Hinter der Messe liegt Gallien. Zumindest sagt das die Trinkhallen-Besitzerin in der Funckstraße. "Wir sind Gallien." Gallien, alias Kuhwaldsiedlung. Kleines Dorf, umgeben vom großen Frankfurt. Eingeschnürt von Autobahn, Eisenbahn, den Bauzäunen der Rebstock-Mondlandschaft und denen der Messe, auf der anderen Seite. Die rückt gefräßig näher, hat die Grenze Philipp-Reis-Straße erreicht und dabei glatt den direkten Zugang via Dammgraben zum S-Bahnhof als Baugrund für weitere Messe-Flächen geschluckt.
Alles haben sie versucht, sagt Anneliese Scheurich. Zig Gespräche geführt, um einen Kompromiss zu finden. Umsonst. "Die Messe hat nicht zugelassen, dass die Kuhwälder über Messegelände zur S-Bahn laufen." Immerhin, die Bauzäune und Absperrgitter haben den Kuhwäldern umgekehrt mehr Ruhe bei Großmessen beschert. "Zur IAA waren bei uns immer alle Straßen zugeparkt und die Messebesucher fuhren fröhlich rückwärts durch Einbahnstraßen." Wer konnte, sagt Scheurich, flüchtete sich in den Urlaub.
Der Bau der von Ernst May entworfen- en Siedlung begann 1920. Sie war die erste Siedlung in Deutschland, die nach dem damals neuen Reichsheimstättengesetz gefördert wurde.
Etwa 2400 Menschen leben im Viertel, das offiziell zu Bockenheim gehört, von den Bewohnern aber als eigener Stadtteil empfunden wird.
Bahn und Post halfen als Geldgeber aus, bis heute ist der Frankfurter Eisenbahnsiedlungsverein neben der Deutschen Annington Träger vieler Häuser im Kuhwald.
Berühmt wurde die Kuhwaldsiedlung durch die erste planmäßige Landung eines Zeppelin-Luftschiffes am 31. Juli 1909 auf dem damaligen Rebstöcker Feld. Noch heute erinnert ein Gedenkstein Am Dammgraben/Ecke Müllerstraße daran.
Der Name stammt vom einstigen "Kuhwald", der an dieser Stelle stand. Frankfurter trieben ihre Kühe von der Pfingstweide am heutigen Zoo in den Wald zur Ruhe und zum Grasen. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde der Kuhwald abgeholzt.
Die alte Reichsstadt wird lebendig: Welche Ereignisse waren einst Stadtgespräch am Main? Zeitzeugenberichte und Hintergrundwissen rund um das historische Frankfurt im Frankfurt-Blog.
Die Sache mit dem verlorenen S-Bahn-Anschluss ist nicht die erste verlorene Schlacht der Bewohner, die in spitzgiebligen Ein- und Mehrfamilienhäuschen von Anno 1920 leben. Mit Gärten voller Obstbäume und Gemüsebeeten vor und hinter den Häusern. Mit schmalen, gepflasterten Tempo-30-Wohnstraßen zwischen den Häuserzeilen und Wegen, auf denen höchstens Radfahrer kreuzen. Typische Ernst-May-Siedlung im Gartenstadtstil der frühen Zeit des Frankfurter Stadtbaurats.
Die Alten spüren die Einschränkungen als erste
"Ein liebenswerter, intimer Stadtteil, wo sich die Leute kennen, aufeinander achten und sich gegenseitig auch helfen." Und wo man wunderschön wohnt, wie Anneliese Scheurich sagt. Obwohl die Häuser und Wohnungen ziemlich klein sind. "Dafür kann man sich im Sommer in den Garten setzen." Und doch: Aus der abgeschirmten Insel-Idylle im Windschatten der Messetürme, von Kohorten an Baukränen rundherum haben trotz jahrelanger heftiger Gegenwehr bereits Post und Sparkasse die Segel gestrichen. Zum Leidwesen, vor allem für die alten Leute in der Siedlung, sagt Anneliese Scheurich.
Die gebürtige Bockenheimerin lebt seit 25 Jahren mit ihrer Familie im Kuhwald, hat hier fünf Kinder groß gezogen und legt sich als langjährige SPD-Stadtverordnete auch für die Belange ihres Quartiers ins Zeug. Ihr Mann Klaus tut's direkt, im Ortsbeirat. Immerhin hat es geklappt, dass ein Nahkauf in zumindest eines der beiden verwaisten Geschäftsräume von Rewe eingezogen ist. "Und die Familie, die das Geschäft betreibt, bemüht sich rührend, alles beizuschaffen, was die Leute im Kuhwald wollen."
Überhaupt pulst es wieder etwas mehr, das Einkaufsstraßenherz der Kuhwaldsiedlung, entlang der Philip-Fleck-Straße. Die Kuhwald-Apotheke, Ecke Müllerstraße, bleibt nach langem Bangen und großem Einsatz der Kuhwälder zumindest für die nächsten zwei, drei Jahre erhalten, der Kuhwälder Markt, schräg gegenüber, hält sich mit frischem Obst, Gemüse und Getränken über Wasser. Und nebenan hat vor einiger Zeit mit "Zülis Hairdesign" sogar wieder ein Friseurladen eröffnet.
Pizzeria und Metzger sind verlässliche Größen
Auch Anna Esposito, die gleich nebenan ihre Pizzeria La Smorfia betreibt, ist neben dem Metzger Stoy zum Glück eine verlässliche Größe, bei der sich die Kuhwälder abends treffen.
Morgens um elf ist allerdings noch Ruhezeit. Der Takt scheint für die gesamte Siedlung zu gelten. Außer ein paar Männern unter dem geschützten Planenanbau neben der Trinkhalle, und ein paar alten Frauen, die auf dem Bürgersteig plaudern, ist weit und breit kein Mensch zu sehen. Nur vom Spielplatz vor der Dreifaltigkeitskirche aus den 60er Jahren, die sich tollkühn wie eine Brücke über die Straße spannt, schallt Kinderlachen durch die Gassen.
Auch das ist wieder öfter zu hören, sagt Anneliese Scheurich. Viele Bewohner seien in der Siedlung zwar alt geworden, aber allmählich zögen auch mehr und mehr junge Familien in die Häuser und Wohnungen, die seit ehedem der Frankfurter Eisenbahnsiedlungsverein und seit einigen Jahren auch die Deutsche Annington verwalten.
"Bemerkenswert ist, dass viele Junge zurückkehren, die ihre Kindheit hier verbracht haben." Neue Nachbarn sind aber auch mit der Neubausiedlung am Rebstock dazugekommen, die für die Kuhwälder irgendwie dazugehören. Ganz ohne Infrastruktur sind sie ohnehin aufs Auto - oder eben den Nahkauf in der alten Kuhwaldsiedlung, angewiesen. Umgekehrt hat der neue Rebstock den Kuhwäldern auch eine neue Freiheit beschert, sagt Scheurich: "Wo früher nur hässliche Grillwiesen waren, ist jetzt ein wunderschöner Park."

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