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Frankfurt für Anfänger: Globalisierung im Apfelwein-Viertel

Sachsenhausen bewahrt seine Ebbelwei-Tradition und startet als schickes Szene-Quartier in die Moderne.

Typisch Sachsenhausen: Äppelwoi im Gemalten Haus
Typisch Sachsenhausen: Äppelwoi im Gemalten Haus
Foto: FR/Kraus

Fast jeden Tag fährt sie von Hibb- nach Dribbdebach. Nimmt dabei nicht den Weg, den Andreas Rupf, Geschäftsführer der Apfelweingaststätte Zum Gemalten Haus empfiehlt, um standesgemäß anzukommen: Über den Eisernen Steg, dabei die Sachsenhäuser Skyline genießen, am Museumsufer entlang, vorbei an Villa Metzler, Museum für Kunsthandwerk, dem für Weltkulturen bis zur Schweizer Straße.

Nein, die schmale Frau im Ausgehkostüm nimmt eine der Autobrücken, lässt sich im Taxi vom Nordend aus Hibbdebach ans Ziel Schweizer Straße kutschieren. Dorthin, wo niemand die 82-Jährige mit ihrem Nachnamen anspricht, sondern wo sie einfach "die Gretel" ist: Schweizer Straße 67. "Im Gemalte Haus gibt's Ebbelwei, Rippcher un aach Worscht, des aane is zum Futtern - des annern für den Dorscht", steht überm bilderreich gemalten Eingang. Genau das will sie, wenn sie durch die grüne, elektronische Schiebetür in die urige Gemütlichkeit des Innenhofs tritt, mit den bunten Wand- und Deckenbildern, die der Künstler Hans Schneider Anfang der 50er schuf. Und sie will Heimatgefühl. Und Ansprache.

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Mit 5919,2 Hektar größter Stadtteil, wobei der Stadtwald die konkurrenz- lose Größe beschert. 54.977 Menschen leben in Dribbdebach.

Der Name leitet sich vermutlich von Sassenhusen her, wo die Beisassen, im Mittelalter Einwohner ohne volle Bürgerrechte, lebten. 1193 wird Sachsenhausen erstmals urkundlich erwähnt.

Sehenswürdigkeiten: Museumsufer mit 13 Museen, darunter das Städel. Sachsenhäuser Warte, Darmstädter Landstraße, als spätgotischer Wehr- turm Relikt der Landwehr. Ebenso der Kuhhirtenturm, Mainufer, in dem der Komponist Paul Hindemith von 1923- 27 lebte. Heute hält Frankfurt darin eine Wohnung für politisch verfolgte Künstler vor. Frau-Rauscher-Brunnen und Steinernes Haus, Klappergasse; Schellgasse 8, Frankfurts ältestes Fachwerkhaus; Goetheturm; Brauerei- Silo Henninger-Turm. Heimatsiedlung aus den 30er Jahren, als Siedlung des Neuen Frankfurts denkmalgeschützt.

Gretel kommt um Zwölf, isst, trinkt, redet, bleibt bis Drei ehe sie sich ein Taxi retour bestellen lässt. Die "Baronin", 89 Jahre alt, hält mit dem gleichen Begehr kurz nach ihr Einzug. Oder Luise, die vor Kurzem erst auf ihren 102. Geburtstag im Gemalten Haus angestoßen hat. Hier kennt man sich, ist mit allen Kellnern, mit Geschäftsführer und Seniorchefin Ingrid Hanauske per Du. Mit den Gesichtern der Stammtischrunden sowieso. Natürlich nicht nur. Im geschäftigen Halbstundentakt mischen sich die "Messefremde" oder "Zugelofene" unter "Eigeplackte" oder die Touristen und jungen schicken Angestellten.

Die Neuzeit trifft Urwüchsigkeit. Nicht immer einfach, sagt Andreas Rupf. Seit acht Jahren betreibt der 42-jährige Koch und Kaufmann mit seiner Frau Alexandra die Traditions-Gaststätte der Familie Hanauske und balanciert ihn täglich aus, den Spagat zwischen Moderne und Tradition.

Bundesliga zum Schoppe

Seit Beginn der neuen Bundesligasaison steht ein Flachbildschirm im Eingangshof. Die Sitzplätze davor sind alle belegt, Schelte fliegt ihm trotzdem um die Ohren: Ein Fernseher hat in einer Apfelweinkneipe nichts verloren. Basta! Oder dass auf der Speisekarte ein "Dessert" angeboten wird - "ein Unding". Stefan Rupf grinst. Typisch Sachsenhäuser, sagt er: "Auch wenn ihn niemand zwingt, ein Dessert zu bestellen, muss er daran mäkeln." Aus Prinzip. Weil's ein Stilbruch ist. Weil Sachsenhäuser eben Sachsenhäuser sind. Erst reserviert, muffig gar, dann aber plötzlich redselig, neugierig und direkt. Rupf zeigt auf eine der ausgemalten Deckenkassetten. Zwischen Fuchs und Weintrauben, sitzt einer mit bloßem Hinterteil und schaut auf sein Geschäft. "Und das ist Sachsenhäuser Humor." Versteckt, aber deftig.

Und kompromisslos. Aber nur auf den ersten Blick. Auf den zweiten sieht schon alles anders aus. Auch Rupf muss Kompromisse machen - obwohl er mit selbstgekeltertem Ebbelwei und selbstgepökelten Rippchen bewusst die Tradition urwüchsiger Apfelweinlokale pflegt. Bald wird aber auch er "versteckt" eine Kaffeemaschine aufstellen. "Weil internationale Gäste Espresso wollen." Obwohl sich Kaffee nicht mit Apfelsäure verträgt.

Zukunft und Tradition. Das steht für ganz Sachsenhausen, sagt Rupf. Und das zeigt sich kaum besser als an der Schweizer Straße: am Mainufer die Museen der Hochkultur, es folgen Szenecafés und Nobelitaliener, Feinkost und Französische Bäckerei, Woolworth und Boutiquen und eben sie: Die Apfelweinkneipen, Gemaltes Haus, nebenan der Wagner. "So geht das durch ganz Sachsenhausen." Durch die Textorstraße, wo Szenekneipen neben der Apfelwein-Batterie Kanonesteppel, Germania, Zum Feuerrädchen residieren. Oder durch die Wallstraße, wo sich eine junge "Künstlerkolonie" mit Mini-Designerläden etabliert hat und die Apfelweinkneipen Fichtekränzi und Atschel an langen Holzbänken gleichfalls der Moderne huldigen und neben Kraut, Worscht und Handkäs' internationale Küche servieren.

Globalisierung im Apfelwein-Quartier: Thai-Imbiss, Libanesische Sandwiches, Pizza Pedro, Kebab Haus folgen entlang der Walter-Kolb-Straße bis es in die windschiefe Fachwerk-Enge Alt-Sachsenhausens geht: Große Rittergasse, Klappergasse, der Brunnen von Frau Rauscher. Irish Pubs und Grillhäuser zeugen noch von Zeiten als GIs das Quartier fest im Griff - und vor den Fäusten hielten. Vorbei. Die Sachsenhäuser schauen jetzt Fußball auf Großbildschirmen und am Deutschherrnufer ist ein Wohnquartier in toskanischem Stil gewachsen.

"Alles in einem Stadtteil." In dem sich auch die Bevölkerung, vom Hartz IV-Empfänger bis zum hoch dotierten Uni-Professor gut mische, sagt Rupf. "Es gibt keine Problemghettos." Trotz der vielen Inseln: die Villen auf dem Lerchesberg, die Arbeiter- und Sozialwohnungen der Heimat- oder Fritz-Kisselsiedlung, das exklusive Malerviertel und die Handwerkerwerkstätten Richtung Offenbach.

Die Mischung macht für Andreas Rupf den Reiz aus: "Sachsenhausen ist urban, weltläufig, mit guten Anschlüssen an Autobahn, in die Innenstadt, zur Hochkultur am Main, zum Ausflug in den Stadtwald - und eben auch heimelig durch die Apfelweinlokale. Die haben den Anfang gemacht. Als die Reblaus und vor allem die Franzosen unter Napoleon das einstige Weinbaugebiet niederwalzten, die Bauern statt dessen Gärten und Obstwiesen anlegten und ihren selbstgekelterten Apfelwein als "Hecker" zeitbegrenzt in den Wohnhäusern ausschenkten. Mehr als 100 private Keltereien gab es mal, weiß Rupf - bis die Nazis alles verboten haben. "Viele haben sich davon nicht erholt." Nur der Ausschank - und die Schoppe-Petzerei natürlich. Wir sind schließlich in Sachsenhausen.

Autor:  ANITA STRECKER
Datum:  23 | 9 | 2008
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