"Es ist ein großer Moment, ich bin stolz, dass ich an diesem beschissenen Tag heute hier sein darf." Am Mittag hat Michael Quast der Öffentlichkeit noch bitter erklärt, dass er die Leitung des Volkstheaters nicht übernimmt, am Abend darf er sich trösten lassen. Entführen in eine andere, verzaubernde Welt, darf feiern mit Künstlerkollegen, mit Freunden und der Frankfurter Prominenz.
Alle sind sie gekommen, den 20. Geburtstag des Tigerpalastes zu feiern, quetschen sich in den Saal, der eigentlich gerade mal für 180 Leute reicht. Heute sind es gefühlte dreimal mehr. Der russische Star-Choreograph Alexandre Grimailo sitzt im Publikum, Sandrine und Thierry Bouglione, die schon einen leibhaftigen Tiger im Tigerpalast tanzen ließen, der Frankfurter Zauberbaron Wolf von Kaiserling.
Michel Friedman ließ sich zum Neugeborenen gratulieren
Und natürlich die sonstige Prominenz: Ardi Goldman mit Partnerin, die Holleins, Sylvia von Metzler, OB Petra Roth samt "Regierungsviertel" wie Johnny Klinke bemerkt, Stammgast Bürgermeisterin Jutta Ebeling versteht sich, Michel Friedman natürlich auch, der sich zum neu geborenen Söhnchen gratulieren lässt, Ex-Deutsche Bank Chef Rolf-Ernst Breuer, Hilmar Hoffmann natürlich und, und, und.
Küsschen rechts, Küsschen links. Und hereinspaziert: 20 Jahre Liberté - Egalité - Varieté. Spätestens jetzt steht auch er bei der 20er-Fete auf der Bühne: Matthias Beltz. Neben Margareta Dillinger und Johnny Klinke Mitbegründer der "institutionalisierten Revolution" wie Tom Koenigs zu Beginn der Vorstellung preist. An jenem veregneten 30. September 1988 hat Kabarettist Beltz bei der Eröffnung des Tigerpalasts die revolutionäre Losung ausgerufen, 20 Jahre später muss Klinke den Part für seinen verstorbenen Freund und Kompagnon übernehmen.
Beltz hat prophetische Kraft bewiesen, sagt Klinke, das Varieté hat sich auf geradezu revolutionäre Weise durchgesetzt: "Zwei Tage nach Eröffnung des Tigerpalasts starb Franz-Josef Strauss, zwei Jahre später fiel die Mauer, und 20 Jahre später haben sich die Bayern für die Demokratie entschieden." Johnny Klinke hat im Sessel auf der Bühne Platz genommen und ist mitten drin, im politischen Rundumschlag, der dazugehört zum Tigerpalast wie Jongleure, Zauberer, Hochseilartisten, Tiger-Bändiger, Akrobaten, das Tigerpalast-Orchester oder sie: Joan Faulkner, die Soulstimme, die seit der ersten Stunde immer wieder auf der Bühne steht.
Auch nach 20 Jahren gibt immer was Neues auf der Bühne
Auf der sich nichts abschleift, nichts ermüdet, wie Kulturdezernent Felix Semmelroth schwärmt: "Auch nach 20 Jahren gelingt es Dillinger und Klinke immer wieder was Neues zu bringen, und immer geht man verzaubert raus." Der Satz fällt an diesem Abend immer wieder. Sylvia von Metzler, Jutta Ebeling, Rupert von Plottnitz - alle sprechen ihn aus. Und sie sprechen von unglaublichem Mut, diese damals eigentlich ausgestorbene Form der Unterhaltung zu wagen: "Varieté".
Bodo Förster, gleichfalls Mitbegründer, den Johnny in Berlin angehauen hat, ob er mitmache, hat erst mal im Lexikon nachgeschlagen, was das denn sei, Varieté. Er hat Ja gesagt und ist nach 20 Jahren ganz schön gerührt, was sie alles erlebt haben in dieser Heiligkreuzgasse 16-20. In jenem alten Ballhaus, in dem lange die Heilsarmeekapelle probte. Wie sie gebibbert und bis kurz vor Toresschluss mit Botschaften, Hinz und Kunz telefoniert haben, um in Zeiten des Kalten Kriegs russische Künstler rechtzeitig durch den Eisernen Vorhang zu schleusen. Oder wie glücklich Künstler wie der Zauberbaron von Kaiserling waren, dass es außer der zwielichtigen Lokalitäten im Bahnhofsviertel endlich eine feste Bühne gab. Noch dazu eine von höchstem künstlerischen Niveau.
Es gibt viel zu erzählen, die Tigerpalast-Geschichten reichten ein ganzes Buch voll. Wäre zum Beispiel die erste Trapez-Nummer über Publikumssaal, obwohl es in Deutschland eigentlich verboten ist, über den Köpfen von Gästen zu spielen. "Wir haben den Ordnungsamtschef direkt unter das Trapez gesetzt", sagt Förster. "Danach hatten wir nie Probleme." Oder der unvergessliche Hochseillauf von Philippe Petit von der Paulskirche zum Kaiserdom zur 1200 Jahrfeier der Stadt.
Drei Jahre haben sie die Aktion vorbereitet, eigens ein Stahlseil nach en Wünschen des Akrobaten in Frankfreich fertigen lassen und zwei Ausflugsschiffe gemietet, um zusätzlich 1000 Zuschauer vom Main aus am Spektakel teilhaben zu lassen. Förster erzählt und erzählt, von Künstlern, Katastrophen, Andekdoten und ist plötzlich so gerührt, wie es Johnny Klinke und Margareta Dillinge sind, als sie zur Vorstellungseröffnung mit stehenden Ovationen empfangen werden. Ovationen für den Tigerpalast - so was gibt es nur in Frankfurt.

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