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Frankfurt: Polizisten erschießen Intensivtäter

Nach dem Schuss auf einen 38-Jährigen ermittelt nun die Staatsanwaltschaft. Der Mann hatte die Polizei angerufen und gesagt, er halte eine Geisel. Er war kein Unbescholtener. 2006 musste gar ein Sondereinsatzkommando gegen ihn vorgehen.

In Frankfurt erschossen Polizisten einen Mann, der sie mit einem Schwert angriff oder bedrohte.
In Frankfurt erschossen Polizisten einen Mann, der sie mit einem Schwert angriff oder bedrohte.
Foto: dpa, Symbolbild

Der 38 Jahre alte Mann, der am Samstag in Bonames tödlich verletzt wurde, soll in Notwehr erschossen worden sein. Wie das Landeskriminalamt mitteilt, haben zwei Polizisten das Feuer eröffnet, nachdem der Bewohner des Sozialzentrums am Burghof sie mit einem kurzen Samuraischwert angegriffen haben soll.

Das Landeskriminalamt, das die Ermittlungen leitet, bestätigte die Gerüchte vom Wochenende, wonach der 38-Jährige am Samstag gegen 14 Uhr selbst den Notruf alarmiert hat. Er habe angegeben, dass er eine Geisel genommen habe und diese erschießen wolle - was sich später jedoch als falsch herausstellte. Drei Beamten fuhren daraufhin in die Straße Am Burghof, wo sie mit dem 38-Jährigen Kontakt aufnahmen. Sie versuchten, ihn zum Ablegen des Schwertes zu bewegen.

Todesschüsse aus der Dienstwaffe

Bei Polizeieinsätzen in Frankfurt sind in den vergangenen Jahren schon mehrfach Menschen getötet worden.

Juli 2010: Polizisten erschießen in Bonames einen Mann, der sie mit einem Schwert attackiert hatte.

Januar 2010: Zwei Polizisten feuern im Hof des Bürgerhospitals auf einen 28-Jährigen und verletzen ihn tödlich. Der Mann hatte die Beamten mit einem Messer bedroht. Dabei handelte es sich um ein Kneipchen, wie sich herausstellt.

November 2009: Ein 48 Jahre alter Mann wird von zwei Polizeikugeln getötet. Er hatte wegen eines Unterhaltsstreits an der Haustür seiner Ex-Frau im Stadtteil Nieder-Eschbach randaliert und auf die von Nachbarn herbei gerufene Streife gezielt. Einer der beiden Polizisten wird dabei schwer verletzt.

Januar 2004: Bei einer Verkehrskontrolle am Alleenring werden zwei Männer von Polizisten erschossen. Die beiden sollen das Feuer eröffnet und auf einen Beamten geschossen haben. (dpa)

Darauf sei der Mann nicht eingegangen. Laut Kriminalamt habe er vielmehr verlangt, von der Polizei erschossen zu werden. Einer der Beamten habe daraufhin Unterstützung angefordert, während zwei Kollegen in das Zentrum eindrangen, um es zu sichern. Als sie sich dem Raum des 38-Jährigen näherten, sei dieser mit dem Schwert bewaffnet aus seinem Zimmer gestürmt.

Von einer Kugel getroffen

Beide Polizisten gaben in der Vernehmung an, mehrfach auf den 38-Jährigen geschossen zu haben, sagt der Sprecher der Frankfurter Staatsanwaltschaft Thomas Bechtel. Getroffen wurde der Wohnsitzlose nur von einer Kugel. Dem vorläufigen Ergebnis der Obduktion vom Samstagabend zufolge traf das Projektil Leber, Schlagader, Herz und Wirbelsäule. Trotz sofort eingeleiteter Rettungsmaßnahmen starb der Mann noch am Tatort an inneren Blutungen.

Der 38-Jährige war bereits vor vier Jahren mit einer ähnlichen Aktion auffällig geworden. Damals hatte er in Königstein über elf Stunden eine Nachbarin als Geisel genommen. Ein Spezialeinsatzkommando musste die Frau befreien, nachdem ein Polizist den Mann in die Schulter geschossen hatte. Er wurde im November 2007 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, kam aber bereits am 22. Januar 2010 wieder auf freien Fuß. In der Vernehmung vor Gericht hatte er damals gesagt, dass er gehofft hatte, dabei erschossen zu werden.

Im Sozialzentrum am Burghof, das ein Übergangs- und Langzeitwohnheim für obdachlose Frauen, Männer und Paare ist, gebe es keine vergleichbaren Ereignisse, sagt Peter Hovermann, Geschäftsführer des Frankfurter Vereins, zu dem das Zentrum gehört. "Das sind extrem seltene Fälle, das passiert vielleicht alle 20 Jahre einmal." Wie es zu dem Vorfall kommen konnte, könne sich dort keiner erklären. Auch habe im Sozialzentrum niemand den Zwischenfall beobachtet.

Offen ist für Hovermann auch, warum sich die Polizei am Samstag nicht an die Mitarbeiter des Zentrums gewendet haben. Üblich sei, dass sich die Beamten bei Problemen mit Bewohnern vorher melden. Wichtig sei dies, "da die Mitarbeiter auf eine ganz andere Art deeskalieren können". Die Sozialarbeiter kennten die Bewohner und deren Geschichte meist gut. Auch die Vergangenheit des 38-Jährigen waren der Einrichtung bekannt. Dieser war laut Hovermann "hochbelastet" und hatte "komplexe Probleme" psychischer Natur: "Das war eine auffällige Person." Dennoch sei nicht absehbar gewesen, dass es zu einem derartigen Vorfall kommen könne, sagt der Geschäftsführer. Von dem 38-Jährigen sei keine Bedrohung ausgegangen.

Durch den Vorfall seien die Bewohner wie erstarrt. Viele hätten die zahlreichen Schüsse vernommen. In den Wänden seien Einschusslöcher zu sehen. "Das ist hier wie in einem großen Wohnhaus", sagt Hovermann: "Alle sind zutiefst betroffen." Derzeit müssten die rund 100 Bewohner intensiv betreut werden, um wieder eine Normalität zu erreichen. Mehrere Mitarbeiter seien zusätzlich im Einsatz.

Autor:  Boris Schlepper
Datum:  11 | 7 | 2010
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