Wasser ist Leben. Wasser kann aber auch Krankheit und Tod bedeuten. Wegen der Seuchengefahr wurde 1867 in Frankfurt mit dem Bau der Kanalisation begonnen. Schmutzwasser und Küchenabwässer flossen bis dahin über Straßenrinnen in den Main. Fäkalien wurden in Kübeln und Gruben gesammelt, die regelmäßig geleert wurden. Das änderte sich schnell, als 1871 Wasserklosetts eingeführt wurden.
Die erste Kläranlage wurde 1883 bis 1887 in Niederrad gebaut. Aus dieser Zeit stammt noch das alte Betriebshaus an der Lyoner Straße. Ansonsten ist die Technologie von damals mit der heutigen schon lange nicht mehr vergleichbar. Jetzt könnte es zu einem neuen Quantensprung in der Abwasserreinigung kommen. Mit einer anaeroben Kläranlage könnte viel Energie eingespart werden. Darauf hat kürzlich die Fraktion der Flughafen-Ausbau-Gegner im Römer aufmerksam gemacht, die sich längst nicht mehr nur um den Flughafen, sondern auch um andere Themen kümmert.
Susanne Schmid ist Chemikerin und arbeitet in der Abwasser-Reinigungs-Anlage in Niederrad. Die Brücke, die zum Verwaltungsgebäude der großflächigen Anlage führt, wurde "Eiserner Steg" genannt und zeugt von der Verbundenheit zum Main. Eine alte Pumpe erinnert an die über hundertjährige Geschichte des Standorts.
Ob eine anaerobe Anlage auch in Frankfurt denkbar wäre? "Das erlebe ich nicht mehr", sagt die 49-jährige Chemikerin. Auch die beiden Betriebsleiter der Stadtentwässerung, Ernst Appel, und Werner Kristeller, gehen davon aus, dass das Verfahren auf die Anlage in Niederrad nicht übertragen werden kann. "Wir arbeiten mit Sauerstoff."
Bis zu 350.000 Kubikmeter Abwasser rauschen bei Regenwetter durch die Kanalrohre in die Niederräder Becken. In dieser Größenordnung sei eine anaerobe Reinigung nicht denkbar, meint Schmid. Zumal ein Kernstück der neuen Technik die Dezentralisierung ist. "Das ganze Kanalsystem müsste neu gebaut werden."
Heidelberg und Pforzheim testen derzeit anaerobe Technik
Derzeit wird die anaerobe Technik unter dem Projektnamen "Deus 21" in zwei Neubaugebieten bei Heidelberg und Pforzheim mit 100 beziehungsweise 350 Bewohnern erprobt. Eine zentrale Rolle spielt wieder einmal die Toilette. Um die notwendige Getrenntsammlung von Urin und Kot zu ermöglichen, muss sie mit einem "Zwei-Loch-System" ausgestattet sein. Der Urin fließt in Tanks, der Kot wird erst in einer Vakuumanlage gebunkert, um dann in einer Biogasanlage zu landen. "Das wäre eine anaerobe Zone", sagt Schmid.
In Niederrad funktioniert die biologische Reinigung mit Sauerstoff. Um bestimmte chemische Prozesse in Gang zu setzen, wird komprimierte Luft benötigt. Doch bis das Abwasser dort ankommt, hat es schon einen weiten Weg zurückgelegt. Bis zu 24 Stunden kann es dauern, bis das Wasser von der Dusche in den Kläranlagen von Niederrad, Griesheim oder Sindlingen eintrifft. Das Kanalnetz, der Bauch der Stadt, wurde so angelegt, dass ein leichtes Gefälle für den Transport sorgt.
Es wird aber nicht nur Abwasser, sondern auch grober Unrat befördert: kleine Äste, Küchenabfälle, Hühnerknochen, Kondome. Besonders hartnäckig sind die Wattestäbchen, die oft mehrere Reinigungstufen überstehen. "Sie schmuggeln sich manchmal bis zur Nachklärung durch", weiß Schmid.
Nach der mechanischen Reinigung beginnt das Reich der Mikroorganismen, die sich immer wieder automatisch erneuern. Je nachdem, welche Aufgabe sie übernehmen, etwa den Abbau von Zucker und Eiweiß, handelt es sich um unterschiedliche Kulturen mit einer Lebenserwartung von 12 Stunden bis zu 20 Tagen. Nach etwa zwanzig Stunden ist die Reinigung vollbracht. Ganz klar ist das Wasser, das in den Main geleitet wird, nicht , und man sollte es wegen der Keime und der Durchfallgefahr auch nicht trinken. Das Abfallprodukt ist der Schlamm, der durch eine elf Kilometer lange Leitung nach Sindlingen gepumpt wird, wo er schließlich verbrannt wird.
Dort beschweren sich die Bürger und Bürgerinnen immer wieder über den Geruch. "Wir gehen den Beschwerden umgehend nach", versichert Schmid. Manchmal sei auch nur ein verstopfter Kanal die Ursache. In Niederrad gebe es kaum Beschwerden. Viele Klärbecken wurden abgedeckt. Und nach der biologischen Reinigung riecht das Wasser wie der Wald, findet Schmid: "Leicht modrig, nicht unangenehm."

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