Da trauten einige ihren Augen nicht: Der Frankfurter Engel, das Mahnmal für die während des Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, überwölbt von einem "Red Bull"-Partyzelt. Zwei Strandkörbe am Rand und rundherum Lounge-Möbel mit dem Werbeaufdruck "John Player Special". Und am Bronze-Engel wurde - wohl als Geste der Rest-Scham - ein großer Strauß Rosen angebracht. So umgestaltet präsentierte sich der Klaus-Mann-Platz am Wochenende des Christopher Street Day (CSD). Die Schwulenkneipe Lucky-s hatte ihren gastronomischen Außenbereich auf das Mahnmal ausgedehnt - und mit dem blau-gelb-roten Werbe-Zelt überdacht.
Geschmacklos fanden das einige der dort vorbeikommenden Homosexuellen - darunter auch einer, der seit den 70er Jahren in der Frankfurter Schwulenbewegung aktiv war. "Dafür haben wir nicht gekämpft", sagte er am Samstagnachmittag der FR. Er konnte sich nicht erklären, "wie sowas genehmigt werden kann". Dass sich ausgerechnet ein Brausehersteller des Frankfurter Engels bemächtigt habe, der mit dem Slogan "verleiht Flügel" werbe, sei "bittere Ironie".
Der "Frankfurter Engel" erinnert an die Verfolgung der Homosexuellen während der NS-Zeit, gestaltet wurde es von der Künstlerin Rosemarie Trockel. Es liegt im Viertel der schwul-lesbischen Subkultur an der Alten Gasse in der Frankfurter Innenstadt.
Die Inschrift des Mahnmals lautet: "Homosexuelle Männer und Frauen wurden im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet. Die Verbrechen wurden geleugnet, die Getöteten verschwiegen, die Überlebenden verachtet und verurteilt. Daran erinnern wir in dem Bewusstsein, dass Männer, die Männer lieben, und Frauen, die Frauen lieben, immer wieder verfolgt werden können. Frankfurt am Main. Dezember 1994"
Dieter Schiefelbein, einer der Initiatoren des Mahnmals, äußerte sich entrüstet. "Es ist dreist und schamlos, diesen Platz für ein Reklame-Event zu nutzen." Schiefelbein, Buchhändler und Soziologe, hatte sich in den 90er Jahren als Mitglied der Initiative Mahnmal Homosexuellenverfolgung für den Gedenkort eingesetzt. Das Mahnmal war 1994 eröffnet worden. "In den vergangenen 15 Jahren hat es glücklicherweise keinen Anschlag gegeben und keine Schmierereien", sagte Schiefelbein. "Das hier empfinde ich als kommerziellen Anschlag."
Martin Tannert, Geschäftsführer der Kneipe Lucky-s, sagte, dass für das Zelt eine "erweiterte Genehmigung" vorliege, die über den CSD-Veranstalter Gütlich Event erfolgt sei. Für den ausgedehnten Außenbereich habe man zusammen mit dem CSD die Einwilligung der Stadt erhalten. Anika Pilger, Geschäftsführerin des CSD-Veranstalters, sieht es so: "Ich habe gegenüber der Stadt lediglich klar gemacht, dass seitens des CSD gegen einen gastronomischen Stand vor dem Lucky-s nichts einzuwenden ist." "Dass die Leute vom Lucky-s das Mahnmal überdachen wollten, wusste ich nicht." Eine Stellungnahme der Stadt war am Wochenende nicht zu erhalten. Lucky-s-Chef Tannert versuchte die Zeltüberdachung zu rechtfertigen: "Angesichts schlechter Wetterprognosen wollten wir den Leuten etwas Gutes tun, damit sie im Trockenen ihre Andacht halten können." Man habe nicht in erster Linie kommerzielle Absichten gehabt. "Hätten wir gewusst, dass jemand am Zelt Anstoß nehmen würde, hätten wir das nicht gemacht."

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