Die Erkenntnis ist alt, lag gewissermaßen mit dem Kindlein, in Armut geboren, in der Krippe: Der beste Schutz vor Vernachlässigung und Kindesmisshandlung ist eine stabile, von Liebe getragene Eltern-Kind-Bindung.
Was Maria noch qua Geburt wusste, muss heute oft erst gelernt werden, sagt Gerhard Suess, Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaften in Hamburg. Zumal, wenn Mutter und Vater selbst in schwierigen persönlichen Situationen sind. Familien mit Hochrisikofaktoren - Armut, psychische Krankheit, Suchtprobleme oder wenn die Eltern selbst noch halbe Kinder sind. Bei ihnen setzt "Steep" an, ein zweijähriges Früh-Interventionsprogramm mit dem kompliziertesten Titel der Welt für etwas, was das einfachste werden soll: "Schritte hin zu einer gelingenden und Freude bereitenden Elternschaft."
Vor 30 Jahren hat die US-amerikanische Bindungsforscherin Martha Erickson das Programm entwickelt, Gerhard Suess hat es im April 2007 im Rahmen des Bündnis für Familien mit dem Kinderbüro, dem katholischen Monikahaus und unterstützt mit 72 000 Euro von der BHF-Bank-Stiftung als Projekt in Frankfurt eingeführt. Sechs Sozialpädagoginnen und Therapeutinnen wurden damals als Steep-Beraterinnen geschult, nach knapp zwei Jahren Arbeit und wissenschaftlicher Evaluierung von Steep haben alle Beteiligten in der BHF-Bank Bilanz gezogen: 71 Prozent der 25 Projektteilnehmer haben nach einem Jahr eine stabile Eltern-Kind-Beziehung aufgebaut. Laut Suess liege die Normzahl in Sachen "sichere Bindung" bei Mittelschichtsfamilien lediglich bei 49,9 Prozent.
Die meisten Projektteilnehmerinnen bekommen im Laufe der zweijährigen Betreuungszeit auch ihre eigenen Probleme in den Griff oder können Hilfe annehmen, erzählen Steep-Beraterinnen. Etwa die 19-Jährige aus einer Migrantenfamilie, die aus Angst ihre Schwangerschaft bis zur Geburt geheim hielt, das Kind auf Druck der Familie zur Adoption frei gab, damit aber nicht klar kam und inzwischen glücklich und selbstbewusst mit der Tochter bei ihrer Familie lebt und eine Ausbildung begonnen hat. Nur ein Beispiel. Auch eines, bei dem Steep und Jugendamt Hand in Hand zusammen gearbeitet hat.
Das ist auch das Ziel, sagen Bürgermeisterin Jutta Ebeling und Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld, die beide zum Bilanzgespräch gekommen sind, um die Dezernats- und Institutionen übergreifende Zusammenarbeit zu dokumentieren: "In Frankfurt soll ein starkes Netzwerk für Kinder und Eltern entstehen."
Das selbst aufgelegte Paket Frühe Hilfen mit Familienhebammen im Gesundheitsamt, dem rund um die Uhr besetzten Kinder- und Jugendschutztelefon seien Bausteine auf dem Weg zur kinder- und familienfreundlichen Stadt. Steep sei eine passgenaue Ergänzung.
Und soll deshalb in die Fläche wachsen: 15 Sozialpädagoginnen, Psychotherapeutinnen, Hebammen aus 13 Frankfurter Einrichtungen haben mit der berufsbegleitenden Ausbildung als Steep-Beraterin angefangen. Die BHF-Stiftung finanziert die Ausbildung mit 50 000 Euro, sagt Achim Vandreike, Geschäftsführer der BHF-Stiftung. "Ein Superprojekt", das absehbar aber nicht nur Projekt bleiben solle: "Die Politik muss überlegen, wie Steep in die Jugendhilfe zu integrieren ist."

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