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Frankfurter feiern Obama: Die gefühlte historische Stunde

Über tausend Amerikaner und Deutsche feiern Obamas Wahlsieg. Von Christian Thomas

Frankfurter feiern Obama.
Frankfurter feiern Obama.
Foto: FR/Andreas Arnold

Schon vor Beginn des neuen Tages nahm die amerikanische Präsenz im Westin Grand entspannte Züge an, das lag auch an einem kleinen Lied. Wurde doch noch vor Mitternacht mit Geige, Gitarre, Cello und Trommeln ein Beitrag aus England beigesteuert, "Michelle" von den Beatles.

So ward eine Brücke gebaut, zweifellos eine kulturelle zwischen Amerika und dem Alten Europa, obendrein eine fürwahr ausgeklügelte zwischen einem besungenen Mädchen des Pop und Michelle, der Gattin des US-Präsidentschaftskandidaten Obama. Zuvor bereits, zu Beginn der Party, war da der Satz von Jo Ellen Powell, der amerikanischen Generalkonsulin gewesen, die zur Begrüßung einen Wunsch geäußert hatte. Auf dass sich Amerikaner und Europäer näherkommen, nicht körperlich, wie sie listig hinzufügte, aber sinnbildlich.

Gespannt verfolgen die Obamafans den Ausgang der Wahl.
Gespannt verfolgen die Obamafans den Ausgang der Wahl.
Foto: FR/Andreas Arnold

Das amerikanische Generalkonsulat in Frankfurt feierte die Nacht der Entscheidung. Für die Wahlparty war es in das Hotel Westin Grand in Frankfurts Adenauerstraße gezogen. Eine enorme Anzahl an Gästen war gekommen, und es waren nicht deshalb über tausend, weil sie - unter roten, weißen und blauen Luftballons und zwischen stilisierten Wahlurnen - von den Spiegeln in den Teakholzwänden verdoppelt wurden.

Kurz fasste sich Frau Powell - nicht ohne eine historische Wahl in Aussicht zu stellen (womit sich die Diplomatin wohl parteipolitisch bekannte). Ebenso lag auf der Hand, dass die Mehrzahl der Gäste bis zu zehn Stunden Zeit mitgebracht hatte, um mit den Gedanken in Übersee zu sein und um zu sehen, wie der Sieger über die Ziellinie kommt.

Der Sieger, das war nach wenigen Minuten, als der Name Obama von dem Politikwissenschaftler James Davies in den Raum gestellt wurde, klar, konnte nur Obama heißen. Und die Zielgerade, das wurde an diesem Abend ebenfalls rasch klar, war der amerikanische Sender CNN.

Von 11.30 Uhr nachts bis 6.30 Uhr in der Früh kam das TV-Programm live rüber, und von 1 Uhr war kein Mensch im Raum, der nicht immer wieder auf das Fernsehen wie auf eine Zielgerade und Ziellinie geschaut hätte. So machten es Prominenz und auch weniger Prominente - unter den bekannten Gesichtern war das von Marietta Slomka zu erkennen. Und es war nicht zu übersehen, wie sich die ZDF-Moderatorin für die "magische Wand" von CNN interessierte.

Dafür, wie im CNN-Studio die Experten nur mit Hand oder Finger über die Projektionsfläche fahren, tasten, kapriolen mussten. Dafür, wie sich, wie in einem I-Phone, die Bilder entfalteten, die Grafiken sprießten - wie eine bunte Welt aufging, mit der Stunden vergingen. Das taten die Stunden vielleicht nicht wie im Fluge, wohl aber begleitet von der Frage: Wie steht's eigentlich, zum Beispiel in Pennsylvania, Ohio, Florida, North Carolina?

Parties, so konnte der Wahlpartybeobachter erkennen, sind Temperamentssache, und das galt gerade für diese Wahlparty, mit ihren besonderen Umständen - in Erwartung einer historischen Stunde. Und auch wenn einige Stunden der Satz Standard war, dass es noch immer keine belastbaren Zahlen gebe, so machte die Obama-Gemeinde aus ihrer Zuversicht keinen Hehl. Männer saßen unruhig auf der Kante ihres Stuhls, Obama-Anhängerinnen reckten bei jedem positiven Zwischenergebnis Fäuste.

Riesig, enorm, gewaltig, so nannte CNN um Punkt 2.40 Uhr die Stimmengewinne für Obama in Pennsylvania. Und die kleine Schar der McCain-Fans, mit ihren Buttons am Revers, rückte noch enger zusammen. Nicht nur auf Stühlen und an Tischchen drängte sich die CNN-Zuschauermenge, zwanglos lagerte sie auf dem blauen Teppichboden. Noch war der Sieg für Obama nicht erreicht. Wohl aber längst das, was man einen gefühlten Sieg nennen könnte.

Riesig, enorm, gewaltig, so hieß es weiterhin herab von der Leinwand, aus dem fernen CNN-Studio. Was nicht heißt, dass es im Alten Europa/Westin Grand nicht auch den toten Punkt bei dem einen oder anderen Partygast gegeben hätte, tausende Meilen entfernt vom Epizentrum eines historischen Ereignisses, dessen Ausläufer stark genug waren, um auch in der Frankfurter Peripherie registriert zu werden.

Mittlerweile müde, aber zuversichtlich. Während die McCain-Truppe Zeuge eines Public Viewing wurde, was ja ursprünglich so viel heißt: einer öffentlichen Aufbarung. Was sollte da noch den Obama-Leuten zustoßen? Denjenigen, die sich zur "Obamania" bekannten, wörtlich, lautstark, und sinnbildlich auf ihrem T-Shirt.

Dennoch, die historische Stunde kam dann recht plötzlich, Punkt 5. Die Mehrzahl auf dieser Party hatten mit ihr ganz offensichtlich erst einige Minuten später gerechnet. Um so zögernder zunächst, als CNN die frohe Botschaft für den Obama-Anhang verkündete, der Jubel; er musste sich erst fortpflanzen; er stolperte geradezu durch die Reihen.

Zwischen der seit langem gefühlten (aber noch nicht wirklichen historischen) Stunde und dem tatsächlich historischen Moment selbst lag ein ganz kurzer Augenblick der Ungläubigkeit und des Innehaltens. Aber weil sich kein Mensch den Unglauben auch nur länger als einen Sekundenbruchteil eingestehen möchte, und weil der Jubel eine gemeinsame Sache sein soll, eine körperlich und sinnbildlich gemeinsame , flogen die Arme und Hände hoch, dem Medium CNN zu.

Kann noch was passieren?

So wurde um 7 Uhr morgens auf einer Diskussion der Politikwissenschaftler James Davies gefragt. Da hatte McCain, der Verlierer, eine große und großzügige Rede gehalten. Da hatte Barack Obama, der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten, eine noch gewaltigere Rede gehalten, für wenige Momente, kalkuliert wie nur irgendetwas, war es gar eine Predigt an die Nation gewesen, die im Westin Grand mancher mit Tränen in den Augen verfolgte, ohne jedoch die Hände zu falten. Nein, da war Chicago weit weg.

Kann noch was passieren?

Sollte noch etwas wegen fehlerhafter Wahlmaschinen oder stümperhafter Auszählungen schief gehen, wurde Davies eine Stunde nach Obamas Ruckrede gefragt.

Nein, das steht jetzt. Da ist nichts mehr anzufechten, so Davies.

Da griff sich, um aufzubrechen, lächelnd eine junge Schwarze ihren Rucksack, und es war diejenige, die einmal, Stunden her, dem Wahlpartybeobachter eine Erklärung geliefert hatte:

Woher sind Sie so sicher?

Das kann ich nur auf Englisch sagen.

Dann sagen Sie es.

Feeling.

Autor:  CHRISTIAN THOMAS
Datum:  5 | 11 | 2008
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