Frankfurt/Main. Vor ihren kleinen Zuhörern packt Sigrid Kropp-Suttor die ganz großen Rechte aus. Auf blauen und roten Zetteln stehen Auszüge der UN-Kinderrechtskonvention, sonst eher spröder Stoff für Professoren. Doch bei den Frankfurter Drittklässlern gehen bald alle Finger hoch, wenn die Sozialpädagogin wieder ein Kinderrecht zum Vorlesen verteilt.
"Kinder haben das Recht, ohne Gewalt erzogen zu werden", trägt ein Zehnjähriger im Kreis seiner Mitschüler vor. Kropp-Suttor erklärt: "Kinderrechte, das ist nicht Trallala, die gibt es wirklich." Die 56-jährige Sozialpädagogin ist Mitarbeiterin des Frankfurter Kinderbüros. Die städtische Einrichtung erschließt Kindern und Jugendlichen neben der Kampagne für die Kinderrechte auch bei einer Anwaltssprechstunde die Welt der Paragraphen.
Anwältin Marianne Grahl berät jeden Monat an zwei Nachmittagen kostenlos und anonym. Meist kommen Jugendliche. Doch auch eine zehnjährige Obdachlose und ein 14- Jähriger, der von der Mutter die Adresse seines Vaters erfahren wollte, waren schon da.
In der Sprechstunde und in den Klassenzimmern zeigt sich, dass die Rechtskunde des Kinderbüros bitter nötig ist. Es geht um Scheidungen der Eltern, um Gewalt und Sorgerecht. In manchen Themen, zu denen Grahl befragt wird, spiegeln sich Trends: Früher gab es viele Fragen zum Ausländerrecht, dann folgten Probleme mit Schulden aus Handy- Rechnungen und Kontoüberziehungen.
Derzeit kommen viele Jugendlichen mit Fragen zum Internet-Recht. Sie haben Probleme mit Rechnungen, Mahnungen und zwielichtigen Verträgen. "Ich finde, dass man das Kindern gut erklären kann", sagt Grahl, die in jeder Sprechstunde ein bis zwei junge Besucher juristisch berät. Oft wollen sie wissen, wer warum etwas entscheidet.
Auch bei den Kindern und Jugendlichen unterliegt Grahl der Schweigepflicht, es sei denn, die Kinder sind in Gefahr. Ist weitere Hilfe nötig, vermittelt sie das Kinderbüro mit seinem engen Netz an persönlichen Kontakten. Das Verständnis der Kinder und Jugendlichen sei nicht kleiner als bei großen Mandanten, berichtet Grahl. "Kinder sind klar, Kinder sind konkret - das ist nicht schwerer als bei Erwachsenen."
Die Angst mancher Eltern, die rechtskundigen Kinder zerrten sie anschließend vor Gericht, sei unbegründet, sagen die Kinderbüro- Mitarbeiter. Stets wollten Kinder ihre Familie zusammenhalten, betont Grahl. Kropp-Suttor erlebt die Jungen und Mädchen so verständnisvoll, wie man sich Eltern wünschte. Sie wollten niemals Gräben aufreißen und seien solidarisch mit Mutter und Vater. Kropp-Suttors mit den Kinderrechten verbundene Botschaft lautet: "Deine Eltern haben dich lieb, aber wenn es nicht mehr geht, kann ich mir Hilfe holen."
Die Rechtskunde im Klassenzimmer kommt an. Über eine Stunde sitzen auch die größten Rabauken aufmerksam auf ihren Stühlchen im Kreis um Kropp-Suttor. Ein Zehnjähriger erzählt leise, sein Vater habe ihn geschlagen, bis er sich Rat und Hilfe bei seiner Lehrerin geholt habe. Kinder berichten von Problemen ihrer Freundinnen. Man ahnt, sie selbst könnten diese Freundin sein. Noch ein Kinderrecht? "Jaaa", rufen die Neun- und Zehnjährigen Kropp-Suttor laut entgegen. (dpa)
Im Internet: www.kinderbuero-ffm.de

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