Das letzte Kapitel ist durch, die Geschichte auf der letzten Seite angelangt. Ein wenig wehmütig steht nun auch der letzte Vertreter des Zollamts Osthafen am Freitag morgen vor seiner alten Zimmertür und schaut in den türkisgestrichenen Raum: "Einfuhr Zimmer 12". Das Schild hängt noch. Nebenan, Zimmer 11, ist auch türkis, eines, ein paar Türen weiter, lila. Farbige Ausreißer inmitten des amtsstuben-typischen Ockergelb, das sich über die leergeräumten Zimmerfluchten und Flure zieht. "Wir sind extra mal am Wochenende gekommen und haben gestrichen", sagt der Mann. Seinen Namen mag er nicht in der Zeitung lesen. Zöllner sind diskret.
Seine Kollegen sind alle schon am neuen Standort in der Wächtersbacher Straße 83 in Fechenheim-Nord. Kisten auspacken, Postpakete einsortieren, am Montag muss der Betrieb mit Ein- und Ausfuhr, Postausgabe und Lkw-Abfertigung am neuen Standort laufen. Nur er ist noch mal zurückgekommen an den angestammten Ort in die Lindleystraße. Schaut, dass die Umzugsmitarbeiter die hallenhohen Metalregale für die Postsendungen aus aller Welt ordentlich abbauen und verstauen.
Das Zollamt Osthafen gehört zum Hauptzollamtsbezirk Darmstadt, wie das Amt in Höchst und die mobile "Kontrolleinheit Verkehrswege", die Autobahnen kontrolliert und ihre Basis in Niederrad hat. Der Flughafenzoll zählt nicht dazu.
Durchschnittlich 700 Empfänger holen monatlich am Osthafen Postpakete ab. Dazu werden rund 1000 Ein- und 3500 Ausfuhrsendungen abgefertigt.
Ab Montag, 30. November, ist das Zollamt in der Wächtersbacher Straße 83, ab 7 Uhr, zu erreichen. Ob der Name Zollamt Osthafen bleibt, entscheidet das Bundesinnenministerium. (ana)
Scheppernd krachen die Metallgerüste zu Boden, während der letzte Zöllner im Osthafen durch die Gänge mit dem abgewetzten Linoleumboden streift. "Einfuhr/Import", "Annahme/Anmeldung", "Postabfertigungsleiter", "Retired Persons", "Zahlstelle" - die Hinweisschilder mit schwarzen Pfeilen nach links oder rechts hängen vertraut an Ort und Stelle, obwohl die leeren Räume unwirklich fremd scheinen. Nur ein paar blaue Müllsäcke, alte Regale und Einbauschränke sind von der größten Zollstation in der Stadt übrig.
Zollamt Osthafen. Standort seit 1911, sprich seit es den Osthafen gibt, und seither feste Größe für Spediteure, Gewerbetreibende, Privatleute, die ihre Sendungen aus dem Ausland abholen. Der langgestrecke Hafen-Lagerhallenbau mit der gelben Fassade und den orange gefassten Fenstern ist schon von der Hanauer Landstraße aus zu sehen, steht gewissermaßen auf Baulücke hinter dem Parkplatz des Audi-Händlers an der Hanauer.
Seit 2001 war das Gebäude der Hafenbetriebe auch für den Zollbeamten "der letzten Stunde" tägliche Anlaufstelle. "Ein bisschen Wehmut kommt schon auf." Er hat schon etliche Abschiede hinter sich, seit der gebürtige Gießener nach seiner Bundeswehrzeit beim Grenzschutz am Zonenrandgebiet beschloss, zum Zoll zu gehen. Erst zur Dienststelle am Flughafen, 1981 dann zum Innenzolldienst am Güterbahnhof. "Mit fast 40 Mitarbeitern war das die größte im ganzen Hauptzollamtsbezirk", sagt er.
Sieben von ehemals 40
Jede Sendung aus dem Ausland und ins Ausland wurde damals noch geprüft. Doch je mehr Europa zusammenwuchs, mehr und mehr Auflagen im internationalen Warenverkehr zurückgenommen und Kontrollen zugunsten des freien Warenflusses vereinfacht wurden, desto mehr haben sich die Zollstationen erledigt: 1981 wurde der Zollhof Westhafen mit der Zollstation Postamt Domplatz zusammengelegt, 1996 kam dann noch der Güterbahnhof dazu und das Ganze wurde zum Zollamt Zollhof. "Kurz vor der Fusion waren wir am Güterbahnhof noch sieben von ehemals 40 Leuten."
Mit spektakulären exotischen Tierfunden wie bei den Kollegen am Flughafen kann der Mann vom Osthafen nicht mithalten. Als Experte der Abteilung "Einfuhr" hat er es fast ausschließlich mit LKW-Fuhren und den immerselben Spediteuren zu tun. Man kennt sich - und man kennt die Waren. Schwarze Schafe gibt es trotzdem immer wieder. Vor allem die verbotenen Medikamenten-Importe tauchen zunehmend auf, sagt er. "Das wird alles beschlagnahmt."
"Nur wenn uns was auffällt..."
Durchschnittlich 700 Empfänger holen monatlich ihre Postpakete aus dem Ausland beim Zollamt Osthafen ab, sagt Kirsten Jung, Sprecherin des zuständigen Hauptzollamt Darmstadt. 99 Prozent aller Pakete werden von den Zollbeamten gefilzt. Bei Frachten vom Containerbahnhof oder von den Lastwagen läuft das meiste aber mit simplem Papiere-Austausch via Computer, sagt der "Einfuhr-Spezialist" aus dem türkisen Zimmer 12. "Nur wenn uns was auffällt, fordern wir Papiere nach oder machen Stichproben."
Am neuen Standort Wächtersbacher Straße wird das nicht mehr so einfach gehen, prophezeit der Zollbeamte. Vor der umgebauten Lagerhalle gibt es zwar genügend Parkplätze, "aber bis man sich durch den Riederwald oder durch die Borsigallee zu uns gestaut hat, kann das Stunden dauern". Der Umzug war trotzdem nötig, sagt Kirsten Jung. Das alte Hafengebäude genügte nicht annähernd den Brandschutzauflagen. Ein Umbau wäre zu teuer gekommen. Glücklich ist niemand darüber, der Osthafen war ideal, sagt der Zollbeamte. Nicht nur wegen der Erreichbarkeit. "Hier gibt es Gref-Völsings und alles, was man braucht, in Fechenheim kann man nicht mal eine Zeitung kaufen."

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