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Frankfurts erste Zahnarztraxis für Obdachlose: Einmal Bohren für Umsonst

Die Angst vor Zusatzkosten und Praxisgebühr, aber auch Scham haben bislang Menschen, die sehr wenig Geld oder kein Zuhause haben, vom Zahnarztbesuch abgehalten. Nun gibt es ein Angebot nur für sie. Von Silke Schmidt-Thrö

Der schwere Gang zum Zahnarzt - ein Gang, den manche über Jahre meiden.
Der schwere Gang zum Zahnarzt - ein Gang, den manche über Jahre meiden.
Foto: FR/Andreas Arnold

Der Fall ist ernst. Schon seit drei Tagen hat Jochen Geisel Zahnschmerzen. Erst am Eckzahn, dann am Backenzahn. Jetzt, auf dem Behandlungsstuhl, sagt der weißhaarige 67-Jährige dem Mann im blauen Arztkittel: "Ich bin wegen meiner geschwollenen Backe gekommen." Der Arzt hört geduldig zu. Es folgt eine Inspektion, Ein klack-klack beim Abklopfen. Dann steht fest: eine Entzündung, es muss gebohrt werden. Es ist ein normaler Zahnarztbesuch. Für Jochen Geisel ist es der erste nach mehr als 15 Jahren.

Vielen Patienten im Warteraum der Elisabeth-Straßenambulanz in der Klingerstraße 8 geht es ähnlich. Die Angst vor Zusatzkosten und der Praxisgebühr und die Scham hat sie von dem Besuch eines "normalen " Zahnarztes abgehalten.

Am Dienstag hat deswegen die Caritas den ersten Zahnarztbehandlungsraum für Wohnsitzlose und Benachteiligte in Frankfurt eröffnet. Um die zehn Quadratmeter ist die Praxis groß, in der ab jetzt zunächst einmal, später zweimal in der Woche Patienten von 9.30 Uhr bis 13 Uhr behandelt werden. Das Angebot soll die bisherigen Behandlungsmöglichkeiten ergänzen. Es ist für alle die, die sich einen Arzt, manchmal auch trotz Versicherung, nicht leisten können.

70000 Euro hat die Einrichtung gekostet. Die Stadt, die Caritas und Spenden haben die Ausrüstung ermöglicht. Bei den Behandlungen springen ehrenamtlich Zahnärzte ein. Über 20 haben sich bisher gemeldet, um einmal im Monat statt in ihrer Praxis in der Straßenambulanz zu behandeln.

In Deutschland ist das eine Rarität. Nur eine Handvoll Angebote gibt es bisher. Erst im März hat die Caritas in Osnabrück ihre erste Zahnarzt-Praxis eröffnet. Die Versorgung der Zähne von Wohnsitzslosen und Benachteiligten sei mangelhaft, sagten Vertreter der Caritas bei der Eröffnung. Das hat nicht nur Folgen für das Gebiss. Infektionen im Mund könnten zu anderen Krankheiten führen. Das sagte auch Agnes d´Albon, die Leiterin und Initiatorin des zahnärztlichen Angebots. Ein Gespräch im letzten Juni hatte sie auf die "Versorgungslücke" aufmerksam gemacht. Seitdem koordiniert sie in Kooperation mit der Landeszahnärztekammer Hessen und der Caritas das Projekt. "Die Praxis ist ein geschützter Raum. Wir können hier die Behandlung losgelöst von Gedanken ans Finanzielle und Bürokratische durchführen", sagt sie.

Viele lässt das die jahrelange Angst und Scheu vor dem Zahnarztbesuch überwinden. Am ersten Tag sind es sieben Patienten, die Mundpropaganda und Flyer in die Sprechstunde führen. Da ist der junge Mann, der keine Wohnung hat und im Warteraum ein Buch von Immanuel Kant liest. Versichert sei er, sagt er, aber: "Ich habe keine zehn Euro für die Praxisgebühr." Da ist der rothaarige Mann mit den vielen Ringen, der erst seit kurzem wieder versichert und bei "Freunden untergekommen" ist. Er sei schon wegen seiner Schulter in der Straßenambulanz gewesen. Jetzt müssen zwei Zähne gezogen werden. Sie sind abgebrochen und von Karies angegriffen. "Ich habe die Chance, dass ich wieder ein besseres Bild bei Arbeitgebern abgebe", sagt er. Zwei Jahre war er nicht beim Zahnarzt.

Giesbert Schulz-Freywald hat ihn für einen weiteren Termin bestellt. Es ist der Vizepräsident der Landeszahnärztekammer selbst, der an diesem Tag behandelt. "Wir wollen versuchen, dass ein Zahnarztbesuch hier selbstverständlich wird", sagt er. Die meisten würden bisher nur mit akuten Schmerzen zum Arzt gehen.

Jochen Geisel hat Schmerzen. Bevor Schulz-Freywald zum Bohrer greift, warnt er noch: "Nicht erschrecken, es wird ein bisschen gebohrt." Am Ende gibt er ihm ein Rezept, schärft seinem Patienten noch ein, wie die Tabletten zu nehmen sind. Der Patient hat eine Wohnung, aber schon seit 20 Jahren keinen Hausarzt mehr. Er sei selbstständig gewesen, dann Lkw-Fahrer, dann drei Jahre arbeitslos. "Wenn es nicht besser wird, komme ich freiwillig wieder", sagt der Rentner als er sich in Richtung Straße verabschiedet. Im Kalender warten bereits acht neue Patienten auf die nächste Sprechstunde.

Autor:  Silke Schmidt-Thrö
Datum:  17 | 3 | 2010
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