Niederrad ist anders. Ganz anders als sich mancher Frankfurter diesen Stadtteil, den Nicht-Niederräder nur von der zügigen Durchreise raus aus der Stadt kennen, eigentlich vorstellen. In Niederrad "gibt es im Grunde alles", sagt Alex Urban, aber "keine Anreize, warum man unbedingt nach Niederrad müsste".
In Niederrad, davon ist Petra Pfundstein überzeugt, "leben die meisten Menschen ohne Angst". In Niederrad, daran hat Ann-Kristin Schildbach keinen Zweifel, "nehmen sich die Menschen einfach, was sie an Religion brauchen". Niederrad, davon ist Jenny Mohl überzeugt, "ist etwas Besonderes".
Niederrad aus der Sicht von Studenten. Momentaufnahmen aus dem südlichen Stadtteil, den man ansonsten immer wieder ein kommunalpolitisches Experimentierfeld nennt. Dann ist stets die Rede davon, dass Teile dieses Stadtteils sozialer Brennpunkt seien, dass es keine Zusammenhänge zwischen den dort lebenden und arbeitenden Menschen zwischen altem Kern und moderner Bürostadt gebe, dass es abgesehen vom Bau dieser Bürostadt in diesem Stadtteil noch nie ein planvolles Vorgehen zur Entwicklung gegeben habe.
Die Rolle der Kirchen
Alles Lüge. Finden die Studenten. Zumindest fast alles. Alles anders eben, ziehen sie Bilanz zum Abschluss eines Seminars, das der Stadtsoziologe Frank Eckardt in diesem Semester anbietet: "Wir sind die Stadt die vielen Gesichter Frankfurts", überschrieb der Professor das Projekt, für das sich seine Studenten Niederrad vornehmen sollten, um "die Vielfalt und die Komplexität der Stadtgesellschaft zu entfalten".
Weil sich doch so viel tun könnte, in der nächsten Zeit in diesem Stadtteil im Süden der kleinen Metropole, weil man doch Potenziale der Stadtentwicklung an diesem konkreten Feldversuch würde ausloten können, bei dem es längst um mehr als um die Sanierung des als berüchtigt geltenden Mainfeldes geht, um mehr als die Sanierung eines aus den 70er Jahren stammenden Wohngebietes, das in Richtung Main entzerrt werden soll durch den Abbau bestehender Hochhäuser und die Errichtung neuer Wohnungen.
Für Eckardt geht es um andere Blicke. Etwa den von Ann-Kristin Schildbach. Sie ist 21 Jahre alt, kommt aus Wetzlar und hat gerade ein paar Semester für das Lehramt hinter sich. Bei Eckardts Projekt macht sie mit, weil sie wissen wollte, "was Frankfurt noch für Seiten hat".
Schildbach verabredete sich in Niederrad mit Geistlichen, sah sich die kirchlichen Angebote der Gemeinden an und hegt keinen Zweifel: "Für das tägliche Leben vieler Menschen haben die Kirchen überaus große Bedeutung."
Und so kann es sie auch nicht erstaunen, dass die Gemeinden diejenigen sind, die die Diskussion über das Neue, das auf den Stadtteil zukommen dürfte, zu organisieren suchen, die den Menschen in diesen vielleicht nicht immer einfachen Lebenslagen beistehen. Eine wichtige Rolle, glaubt Schildbach. Schließlich liefen in den Gemeinden viele Fäden zusammen.
Mit den Gemeinden und ihren Angeboten für Kinder und Jugendliche befasst sich auch Petra Pfundstein, selbst in Sossenheim geboren, mit Niederrad aber durch Besuche bei einer Freundin vertraut. Sie, berichtet Pfundstein, sie habe alles andere als den Eindruck, dass "die Menschen aus diesem Niederrad flüchten", dass sie Angst hätten.
Gleichwohl müsse der Stadtteil gerade Eltern mehr bieten: "Bei der Versorgung der Sechs- bis Zwölfjährigen, da gibt es eine Lücke", bilanziert die junge Studentin ihre Forschungen aus der Alltagswelt der Niederräder. Einer eigenwilligen Welt, die den Bewohnern des Stadtteils mitunter ganz anders erscheint als Jenny Mohl und Andrew Seifert etwa.
Den beiden Studenten, die als angehende esellschaftswissenschaftler inzwischen das sechste und das achte Semester erreicht haben, fällt zu Niederrad gleich "Vergnügungsviertel" ein. Dann nennen sie den Wäldchestag, führen die Rennbahn an, erwähnen die diversen Bäder und vergessen das Stadion wie den Golfclub nicht, um zu dem Ergebnis zu kommen: Niederrad habe für jeden etwas zu bieten, wenngleich nicht jeder in Niederrad davon etwas wissen wolle, vielmehr nicht selten genervt sei, wenn Massen in Richtung Stadion oder Wäldchestag ziehen.
So kann das gehen, wenn Andere auf das Eigene gucken. Die entwickeln dann auch alsbald ein Gespür dafür, was Niederräder auszeichnet. "Ihre große Mobilität", glaubt Alex Urban. Und deswegen, sagt der Student, "kann sich in dem Stadtteil wohl auch kein Eigenleben entwickeln".

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