Im Kampf gegen die Kälte greifen viele Menschen wieder auf ein bewährtes Hausmittel zurück: die Wärmflasche. Wer keine im Schrank hat, kauft eine. Zu Tausenden gehen die Beutel aus hitzebeständigem Kunststoff oder Gummi über die Ladentheken. Der Wintereinbruch helfe, kommentiert Wolfgang Kraus, Geschäftsführer des nach eigenen Angaben größten deutschen Herstellers Fashy aus Korntal (Baden-Württemberg), die unverhoffte Konjunktur. Selbst Bekleidungsgeschäfte und Kaffeeröster führen das sonst Drogeriemärkten und Apotheken vorbehaltene Produkt.
Hauptabnehmer sind Frauen aller Altersgruppen. Einen Zusammenhang mit den dort angeblich besonders oft auftretenden Eis-Füßen sehen Mediziner nicht. Wohl aber die Wärme-Wirkung auf den Körper. "Öffnen sich die Adern, wird die Durchblutung angeregt und die im Blut gespeicherte Wärme besser transportiert", sagt der Vorsitzende des hessischen Hausärzteverbandes, Dieter Conrad. Auf einem ähnlichen Prinzip beruhe der der Wärmflasche nachgesagte lindernde Effekt etwa bei Bauchschmerzen oder Zwicken in Rücken und Schulter. Verantwortlich dafür seien bestimmte, auf hohe Temperaturen reagierende Rezeptoren. Nebenbei helfen wohltuende Wärme und beruhigend gluckerndes Wasser zu entspannen.
Laternenparkern erleichtert eine Wärmflasche im Auto das Abkratzen am Morgen. Der ADAC Hessen-Thüringen in Frankfurt rät, den mit warmem Wasser gefüllten Beutel etwa 15 Minuten vor der Abfahrt hinter das Lenkrad zu legen. Die Wärme von innen bringe das Eis
außen zum Tauen, ohne dass die Windschutzscheibe beschlage. "Die Flasche verhindert, dass sich Feuchtigkeit
bildet", sagt ADAC-Sprecher Cornelius Blanke. Um Spannungsschäden am
Armaturenbrett zu vermeiden, sollte
das Behältnis in ein Tuch oder einen Bezug eingeschlagen werden. dpa
Auf den Dreh mit der Flasche kamen die Menschen wahrscheinlich im frühen 16. Jahrhundert. Bis dahin lagen in eisigen Wintern im Ofen erhitzte Steine unter der Bettdecke. Deren flaschenförmige Nachfolger waren aus Zinn gefertigt; mit Exemplaren aus Steingut wärmten weniger Betuchte die Schlafstatt. Lediglich die Handhabung erwies sich als unpraktisch: Die Flasche rollte davon und machte Bettpfannen Platz - bis ins 20. Jahrhundert hinein Grundausstattung eines Haushalts.
Das Freilichtmuseum Hessenpark in Neu-Anspach besitzt zahlreiche historische Stücke. Pfannen und Flaschen waren probate Mittel, um schlecht beheizbaren Räumen zu trotzen. Wie die alten Hessen die Gerätschaften nutzten, erläutert Volkskundler Ralf Nitsche: "Mit den mit heißen Kohlen gefüllten Kupferpfannen wurden die Laken gewärmt." Gehäkelte Überzüge schützten die Menschen damals vor Verbrennungen. Conrad: "Früher legten die Leute den Stein weg, wenn sie zu Bett gingen, heute schlafen sie auf den Flaschen ein." Mindestens einen stark geröteten Rücken behandelt der Arzt pro Tag.
Die anschmiegsamen Beutel kamen erst in den 1920er Jahren in Gebrauch. Neben dem rechteckigen, auf einen kroatischen Erfinder zurückgehenden Klassiker können Verbraucher heute aus unzähligen Formen und Farben wählen. Trendige Plüschbezüge in Leopardenlook und Kuhfelloptik ersetzen Omas Häkelbezug, für Verliebte gibt es Mini-Herzwärmefläschchen, für Tierliebhaber solche in Fischform. Modebewusste tragen das Accessoire als Umhänge- oder Gürteltasche. Aus Film und Fernsehen bekannte Comicfiguren oder Kuscheltierformen heizen den Verkauf unter den Jüngsten an.
Deutschland und Großbritannien sind die Traditionsmärkte der Branche. Fashy produziert im thüringischen Wiehe und in Vietnam. Jährlich verkauft das Familienunternehmen rund 3,6 Millionen Wärmflaschen.

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