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Fünf Minuten Atomtod in Biblis: Tausende Demonstranten vor AKW

Tausende Demonstranten haben Deutschlands ältestes Kernkraftwerk im südhessischen Biblis umzingelt. Mit dabei: die SPD-Politiker Heidemarie Wieczorek-Zeul und Thorsten Schäfer-Gümbel. Von Jutta Rippegather

Mit Schildern und Fahnen demonstrieren Atomkraft-Gegner beim Kernkraftwerk in Biblis.
Mit Schildern und Fahnen demonstrieren Atomkraft-Gegner beim Kernkraftwerk in Biblis.
Foto: dpa

Biblis. Sie stehen dicht gedrängt. Nebeneinander. Schulter an Schulter. Rund vier Kilometer misst die Menschenkette, die das Atomkraftwerk umzingeln. Sirenengeheul - und auf einen Schlag schlägt das fröhliche bunte Spektakel um in eine düstere Szenerie. Wie Fliegen fallen die Leute auf die Erde: Kinder, Junge, Alte. "Die gesamte SPD liegt am Boden" schreit ein Mann in sein Handy, als er die Gruppe prominenter hessischer Genossen passiert.

Fünf Minuten dauert der Spuk. Dann erwachen die Demonstranten wieder vom symbolischen Atomtod. Sie stehen auf, klatschen, skandieren dazu laut: "Abschalten, abschalten". Rund um das Atomkraftwerk ist ihr Ruf zu hören.

15000 sind es laut Veranstalter, die Polizei spricht von 10000 Teilnehmern. SPD, Grüne, Linke, DKP, Anarchos, Gewerkschafter - alle zeigen ihre eigenen Flaggen. Die meisten aber die gelbe mit der roten Sonne. Eine solch große Demonstration hat Biblis schon lange nicht mehr erlebt. Da waren sich Organisatoren wie Polizei einig.

Das fünfminütige "Die In" (Schausterben), sagt Julia, hat ihr nochmal nahegebracht, warum sie hier sind. "Ich habe mich sehr tot gefühlt", sagt die 33-Jährige und blickt auf die grauen Betonklötze hinter dem Werkstor. "Und bedroht."

Atomkraftgegner umzingeln Biblis

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Unverständnis bei Belegschaft

Die Menschenmasse vom Samstag will das nicht länger hinnehmen. Sie fordert ein sofortiges Abschalten des "Schrottreaktors". Weil die Frage des Endlagers nach wie vor ungelöst ist. "Die setzen unsere Zukunft aufs Spiel", sagt Desiree (16), die mit dem Rad die 30 Kilometer hergestrampelt ist. "Weil ich es mir nie verzeihen könnte, wenn meine Kinder Leukämie oder Krebs bekämen", sagt Jonas (22), der aus Heidelberg hierherkam. "Weil die Atomkraft den Ausbau erneuerbarer Energien verhindert", meint Jörg (19), aus Frankfurt.

Angela (25) hat sich mit gelber und schwarzer Farbe Gesicht und Arme bemalt. "Es wird oft vergessen, was alles schon war." Als in Tschernobyl Radioaktivität entwich, war sie gerade einmal ein Jahr alt. Ein paar Meter weiter ruft Michael Wilk vom Arbeitskreis Umwelt Wiesbaden ins Mikrofon: "Der Betrieb von Atomanlagen ist Körperverletzung - und das gilt für alle Standorte!"

RWE gibt sich ob der Großdemo indes großzügig: "Jeder hat in einer Demokratie das Recht, seine Meinung frei zu vertreten", lässt Werksleiter Hartmut Lauer in schriftlicher Form wissen. "Deshalb dulden wir auch die Kundgebung auf unserem Gelände." Unterstützt wird er vom stellvertretenden Betriebsratsvorsitzenden, der auf Anruf des RWE-Sprechers vor das Seitentor kommt: Der Reaktor sei sicher, die Demonstration stoße bei der Belegschaft, 1000 Männer und Frauen, "teilweise auf Unverständnis". RWE sei in der Region ein großer Arbeitgeber.

Ein Argument, das Wilk vom Arbeitskreis Umwelt auch in seiner Rede anspricht. Die Bibliser müssten nicht um ihre Jobs bangen. Denn nach dem Abschalten müsse schließlich der Rückbau erfolgen.

Doch die Fronten sind verhärtet. Das Grüppchen Biertrinker im Bibliser Tennisclub findet keine netten Worte für die vielen Demonstranten, von denen die ersten schon früh um 7 Uhr angerückt seien. "Das sind doch Bekloppte", sagt Ludwig Schmitt (74), der 25 Jahre die Kantine des Kraftwerks beliefert hat. "Das ist die sauberste Energie, die es gibt."

Autor:  Jutta Rippegather
Datum:  24 | 4 | 2010
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