Das Turbo-Abitur hat kaum noch Fürsprecher. Lautet die Frage in Elternversammlungen: „Wer ist für G8?“, heben vielerorts gerade einmal zehn Prozent die Hand. Höchstens.
Das ist ungerecht. Denn die meisten Gymnasien haben die Umstellung auf die verkürzte Mittelstufenzeit ganz ordentlich hinbekommen. Das miserable Image von G8 liegt in seinem mehr als unglücklichen Start begründet. Eine CDU-Landesregierung brachte das Turbo-Abi über die Schulen, bevor diese wussten, wie sie damit umgehen sollten. Im Ergebnis wurden Schüler mit Hausaufgaben und einer ungebändigten Stofffülle überfrachtet, taumelten Lehrkräfte durch die neuen Anforderungen, fehlten Anleitung und Entlastung und nicht selten Lehrbücher. Entsprechend massiv und berechtigt waren die Proteste.
Zwischenzeitlich aber war Routine eingekehrt, hat G8 an vielen Schulen einen Modernisierungsschub in Ausstattung und Konzeption gebracht. Und nicht jede Belastung, über die Schüler und Eltern klagen, ist zu Recht mit den Anforderungen der Schulzeitverkürzung begründet. Das Turbo-Abi ist besser als sein Ruf.
Aber ist es deshalb für alle Gymnasiasten der richtige Weg zum Abitur? Wie Studien belegen, haben lediglich 25 Prozent der Schüler keine Probleme, im Turbo-Gang zur Reifeprüfung zu kommen. Bleiben 75 Prozent, die in G9 besser aufgehoben sind.
Die Wahlmöglichkeit, die die Landesregierung den Gymnasien nun einräumt, trägt diesem Umstand – zu spät – Rechnung. Damit verbunden aber ist eine Unruhe, die einer Schule dauerhaft nicht zuzumuten ist. Zwar lässt Kultusministerin Nicola Beer den Schulen für eine mögliche Umstellung Zeit. Tatsächlich aber wächst der Entscheidungsdruck in dem Maße, in dem Eltern Klarheit über den künftigen Bildungsweg ihrer Kinder verlangen. Dies vor allem dort, wo das Gymnasium am Ort für viele alternativlos scheint.
Manche Gymnasien werden notgedrungen die Rettung in dem als Versuch titulierten G8-G9-Parallelmodell suchen – auch, weil sie nicht riskieren können, große Teile ihrer Schülerschaft an andere Schulen abzugeben. Das aber scheint ebenso wenig zu Ende gedacht, wie es G8 war.
So ist nicht zu erkennen, wie Schulen Profilklassen in Musik, Fremdsprachen oder Sport in dieses Modell hinüberretten könnten. Auch der programmierte Wirbel zum Start des 7. Schuljahres durch das Hin- und Her-Wechseln zwischen G8- und G9-Klassen tut dem Schulleben nicht gut.
Schulen täten gut daran, sich für einen Weg zu entscheiden. Wer die Zahl der erhobenen Elternhände vor Augen hat, bekommt eine Ahnung, wie diese Entscheidung ausfallen könnte.
Julius (17): „Ich bin nicht wirklich zufrieden mit G8. Durch den Doppeljahrgang haben wir in meiner Stufe fast 130 Schüler, was zu großen Klassen führt und schlechtere Noten mit sich bringt. An sich ist die ganze Umsetzung von G8 sehr schlecht gelaufen. Der Inhalt von G9 ist jetzt immer noch der Gleiche, es fällt halt nur viel Zeit weg, den gleichen Stoff durchzunehmen. Ich will nach meinem Abschluss nicht sofort studieren, sondern habe vor, ein Jahr im Ausland zu verbringen.“
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