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Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

10. Februar 2016

Ganztagsschulen in Hessen: „Hessen ist auf dem letzten Platz“

 Von 
Selbstgemaltes im Flur: die Schwalbacher Kinderzeit-Schule, dreisprachige Ganztagsschule in freier Trägerschaft.  Foto: Michael Schick

Hessen hat Nachholbedarf bei Ganztagsschulen. Mehr Ganztagsschulen würden bei Integration helfen, sagt der Vorsitzende des Ganztagsschulen Guido Seelmann-Eggebert im FR-Interview.

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In Sachen Ganztagsschulen ist Hessen Entwicklungsland. Gerade einmal sieben Grundschulen bieten über den Tag verteilt Unterricht und Betreuung, AGs und Freizeitangebote. Bei den weiterführenden Schulen sind es 20, darunter kein einziges Gymnasium. Kaum fünf Prozent der hessischen Schüler besuchen eine echte Ganztagsschule – Schlusslicht in Deutschland. In Rheinland-Pfalz liegt die Quote bei 20 Prozent, in Nordrhein-Westfalen noch etwas darüber. Dabei könnte die Ganztagsschule helfen, Flüchtlinge zu integrieren, Nachhilfeunterricht zu vermeiden und Familien zu unterstützen. Die Landesregierung baut den Pakt für den Nachmittag aus, doch das ist nicht die Lösung, sagt zumindest Guido Seelmann-Eggebert.

Herr Seelmann-Eggebert, der Pakt für den Nachmittag hat in vielen hessischen Schulen dazu geführt, dass es Angebote gibt, die weit über den bloßen Unterricht hinausgehen. Freut Sie das?

Natürlich ist es in Ordnung, wenn Schulen mehr als bloßen Unterricht bieten. Glücklich bin ich mit dem Pakt für den Nachmittag dennoch nicht.

Warum?

Weil wir als Ganztagsschulverband für Schulen eintreten, die nicht einfach zusätzlich zum Unterricht noch Betreuung, Hausaufgabenhilfe oder Freizeitangebote machen.

Wo liegt der Unterschied?

Wir wollen Schulen, in denen der Tagesablauf schüler- und lehrergerecht rhythmisiert, also im Wechsel über den ganzen Tag verteilt wird. An einer Schule mit Unterricht am Vormittag und offenen, also freiwillig zu besuchenden Nachmittagsangeboten aber geht das nicht, weil ja das ganze Pflichtprogramm schon am Vormittag abgespult werden muss. Das ist aber das, was der Pakt für den Nachmittag vor allem bietet.

Zur Person

Guido Seelmann-Eggebert (69) ist seit 2003 Vorsitzender des Ganztagsschulverbands Hessen. Bis zu seiner Pensionierung 2012 war er Rektor
an der Hermann-Ehlers-Schule in Wiesbaden, der ersten Ganztagsschule in der Landeshauptstadt. Seelmann-Eggebert berät Schulen und
Institutionen in ganz Deutschland zur Ganztagsschulentwicklung.
Ein öffentlicher Fachtag zur Ganztagsschule findet am 21. April in Lollar bei Gießen statt. Neben Vorträgen
und einer Podiumsrunde gibt es
zahlreiche Workshops und einen Markt der Möglichkeiten. Beginn ist 8.45 Uhr in der Clemens-Brentano-Europaschule, Ostendstraße 2, in Lollar.

Die Teilnahme inklusive Verpflegung kostet 35 Euro (für Mitglieder des Ganztagsschulverbands 25 Euro). Anmeldung unter www.ganztags-
schulverband-hessen.de. pgh

Immerhin ist den ganzen Tag was los; aus Elternsicht ist damit doch zumindest das Problem einer ordentlichen Betreuung gelöst.

Das schon. Aber pädagogisch bringt uns das nicht weiter. Den eigentlichen Nutzen von Ganztagsschulen, also mehr Bildungsgerechtigkeit, weniger Sitzenbleiber, bessere Lernergebnisse, ein besseres Sozialverhalten und weniger Stress zu Hause, erreicht man mit dem Pakt unter Umständen eher weniger.

Verhindert der Pakt für den Nachmittag vielleicht sogar die Entwicklung echter Ganztagsschulen, so wie Sie sie verstehen? Der Druck seitens der Eltern wird dadurch ja zumindest gemildert.

Die Entwicklungsmöglichkeiten müssen nicht eingeschränkt sein, sondern es hängt davon ab, wie eine Schule die Möglichkeiten des Pakts nutzt.

Was kann sie tun?

Sie kann gerade im Grundschulbereich den Unterricht am Vormittag frühzeitig beenden, dann eine Mittagspause anbieten und den Pflichtunterricht am Nachmittag fortsetzen, etwa bis 14.30 Uhr. Auch Eltern suchen nicht allein Betreuung, sondern sie wollen sichergehen, dass es auch nachmittags gute pädagogische Angebote gibt, nämlich längeres gemeinsames Lernen, individuell und gemeinsam, Forschen und Entdecken, Lernzeiten am Vor- und am Nachmittag, und das eben in einer rhythmisierten Konzeption.

Wieso glauben Sie, dass Eltern das wollen?

Eine Untersuchung des Ifo-Instituts vom letzten September zeigt, dass mehr als die Hälfte der Eltern eine echte, rhythmisierte Ganztagsschule für ihr Kind wünschen. Allerdings sollte der verpflichtende Anteil am Nachmittag einer Grundschule nicht zu spät enden.

Haben Pakt-Schulen überhaupt die Chance, sich weiterzuentwickeln, also zusätzliche Ressourcen für echten Ganztagsbetrieb zu erhalten?

Wir setzen darauf, dass auch Schulträger vor Ort und die Politik auf Landesebene erkennen, dass wir einen Ausbau brauchen. Bisher liegt Hessen bundesweit auf dem letzten Platz unter den Bundesländern. Da gibt es noch Entwicklungsbedarf.

Sehen Sie Initiativen, den Ganztagsbereich auszubauen?

Das Kultusministerium hat kurz vor Weihnachten mitgeteilt, dass in diesem Jahr zusätzlich sechs Millionen Euro für den Ausbau von gebundenen und teilgebundenen Ganztagsschulen zur Verfügung gestellt werden sollen. Der Ausbau soll parallel zum Programm Pakt für den Nachmittag erfolgen, also nicht durch Kürzungen an anderer Stelle. Also erkennt auch die Landesregierung inzwischen an, dass es einen steigenden Bedarf nach gebundenen Ganztagsangeboten gibt.

Jetzt wird Geld auch an anderer Stelle gebraucht, etwa für Intensivkurse für Flüchtlingskinder oder mehr Förder- und Deutschunterricht.

Ich sehe in der Tat die Gefahr, dass angesichts der großen Herausforderungen gerade der Integration von Migranten, der Notwendigkeit des Ausbaus von Angeboten für das Deutschlernen für Seiteneinsteiger und des damit verbundenen Lehrerbedarfs der Ganztagsausbau etwas aus dem Blick geraten könnte. Dabei wären gerade Ganztagsschulen aufgrund ihres Profils besonders geeignet, Integration und Bildungschancen voranzutreiben. Allein schon deshalb, weil dort alle Kinder auch am Nachmittag anwesend bleiben – und nicht nur jene, die eine besondere Förderung erhalten sollen.

Hat der Bildungsgipfel für die Ganztagsschulentwicklung etwas gebracht?

Der Bildungsgipfel hat für die Ganztagsschulentwicklung in Hessen einiges gebracht. Die vorgestellten positiven Ergebnisse einer rhythmisierten Ganztagsschule in gebundener Konzeption wurden von der Landesregierung anerkannt, auch wurde der enorme Rückstand Hessens im Ausbau gebundener Modelle wahrgenommen und erkannt, dass es einen Rückstand aufzuholen gilt.

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