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Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

14. Januar 2015

Gastbeitrag zum Gesundheitssystem: Patient als Kernstück

 Von Ursula Stüwe
Kliniken bauen Personal ab und sollen oftmals hohe Renditen bringen.  Foto: Andreas Arnold

Kranke werden zunehmend zu Finanziers von Investitionen und Aktionärsbedürfnissen. Das Gesundheitssystem driftet mit vielen kleinen Veränderungen zunehmend in ein "Wirtschaftssystem". Ein Gastbeitrag.

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Aktuell kündigen viele der gesetzlichen Krankenkassen einen Zusatzbeitrag für 2015 an, weil zu wenig Geld für die Patientenversorgung „da“ sei. Diese Zusatzbeiträge sind ausschließlich von den Arbeitnehmern zu schultern, der Beitrag der Arbeitgeber verändert sich nicht. Hier zeigt sich das Auseinanderklaffen der Solidarität, die ursprünglich Grundlage der Krankenversicherungen in Deutschland war.

Das Gesundheitssystem driftet mit vielen kleinen derartigen Veränderungen zunehmend in ein „Wirtschaftssystem“, wobei zunehmend Kosten dem Kranken zusätzlich zum Versicherungsbeitrag übertragen werden.

Welche Rolle spielen dabei Patientinnen und Patienten?

Schauen wir auf die Krankenhausfinanzierung: Krankenhäuser bekommen von den gesetzlichen Krankenkassen ein Budget entsprechend ihren Leistungszusagen für ein bestimmtes Jahr. Mit diesem Geld soll all das bezahlt werden, was zur Behandlung der Klinikpatienten notwendig ist: stationäre Unterbringung, Diagnostik, Pflege, ärztliche Behandlung inklusive kleiner und großer Eingriffe, Medikamente und so weiter. Der Betrag ist fest verhandelt und insofern eine Form von Planwirtschaft. Zukünftig sollen die „Preise“ anhand von Qualitätskriterien festgesetzt werden – weniger Geld bei schlechterer Qualität.

Eine weitere Geldquelle für Kliniken sind die Investitionsverpflichtungen der Bundesländer. Mit diesem Geld sollen Investitionen durchgeführt werden, die unabhängig von gegebenenfalls erforderlichen Neubauten dringend notwendig sind. Diese Kosten sollen nach Vorlage des Papiers der Bund-Länder-Arbeitsgruppe im neuen Jahr der durchschnittlichen Förderung der Jahre 2012 bis 2014 entsprechen. Sie waren schon damals absolut unzureichend!

Kliniken müssen jedoch Investitionen durchführen – ohne Geld?

Da geht es um Preise für Krankenbehandlung – die Kernaufgabe von Kliniken! Es klingt gut, wenn nach Qualitätskriterien bezahlt werden soll. Der Haken an der Sache: Werden Kranke mit hohen Risiken noch Ärztinnen und Ärzte zur Behandlung finden? Und wenn sich durch derartige Patientenbehandlungen eventuell das zu veröffentlichende Qualitätslevel der Klinik und der Ärzteschaft absenkt? Finanzieller Druck wirkt sich bis in alle Hierarchieebenen in Kliniken aus!

Der größte Kostenblock in Kliniken sind Personalkosten. Gerade haben wir erfahren, dass der zu erwartende Verlust an den Horst-Schmidt-Kliniken (HSK) Wiesbaden durch Personalabbau aufgefangen werden soll: Man teilte hier wohl die Verlustsumme durch ein Durchschnittsgehalt von rund 60 000 Euro – schon war klar, wie viel Personal abzubauen ist! Eine nicht nachvollziehbare Entscheidung in Zeiten, wo zahlreiche Kliniken unter erheblichem Personalmangel leiden in allen Bereichen der Patientenversorgung! Gleichzeitig jedoch wird eine hohe Rendite in Kliniken, auch in den HSK, erwartet, die von Aktiengesellschaften betrieben werden. Ich kann nicht umhin, eine Verbindung herzustellen zur Erhöhung der Krankenkassenbeiträge und den Höhen von Aktionärsrenditen!

Ursula Stüwe.

Unter diesen Aspekten ist zu hinterfragen, ob kranke Menschen, die sich während eines Klinikaufenthalts in einer mehr oder weniger kritischen Lebensphase befinden, das bekommen, was sie brauchen. Sicher ist es richtig und gut, alle Abläufe in Kliniken optimal zu gestalten. Das ist schwierig, weil es ungezählte Überschneidungen zwischen den unterschiedlichsten Abteilungen gibt. Die „Industrialisierung“ der Behandlungsabläufe wird schwieriger, je komplexer eine Krankheit ist und je komplexer eine Klinik aufgestellt ist.

Viel wichtiger für Kranke ist jedoch der Faktor „Zeit der Zuwendung“. Lebenskrisen, wie zum Beispiel eine schwere Erkrankung, sind nur zu bewältigen, wenn Menschen zur Erklärung, zur Pflege, zur Begleitung ausreichend vorhanden sind. Abbau von Personal in den patientennahen Diensten entzieht den Kranken diese Begleitung – so wird letzten Endes der Kranke Finanzier von Investitionen oder gar Aktionärsbedürfnissen. Der Patient, die Patientin wird so ungewollt zum Kernstück eines Wirtschaftssystems – und ist nicht mehr Mittelpunkt eines sozial orientierten Gesundheitssystems.

Wir alle werden zukünftig den verantwortungsvollen Einsatz der Politik im Bereich der Daseinsvorsorge noch viel mehr schmerzlich vermissen, da bin ich sicher!

Ursula Stüwe (67) war 2004 bis 2008 Präsidentin der Landesärztekammer Hessen, war Krankenschwester, dann Chirurgin in den HSK bis 2010. Außerdem ist sie Ehrenmitglied des Marburger Bunds Hessen.

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