Wenn das Gewerkschaftshaus in der Wilhelm-Leuschner-Straße für einen Berufsstand zum Streiklokal wird, hängen da gewöhnlich Fahnen und Transparente. Im Willy-Richter-Saal wird Kaffee ausgeschenkt, es werden Brötchen gereicht und Erfahrungen aus der Arbeitswelt ausgetauscht. Am Dienstagmorgen ist der große Saal leer. Es ist der erste bundesweite unbefristete Streik im Gebäudereiniger-Handwerk. Es ist der Streik der Unsichtbaren.
Im zweiten Stock des Gewerkschaftshauses sitzen Hannes Rosenbaum und Karl-Heinz Körner, kurz "KD" genannt. Sie organisieren den Streik in Hessen - in enger Abstimmung mit dem Bundesvorstand der IG Bauen-Agrar-Umwelt, der im Norden der Stadt, in der Olof-Palme-Straße, einen großen Raum für die Streikleitung freigeräumt hat.
Der Bundesinnungsverband des Gebäudereiniger-Handwerks hat ein "Merkblatt Arbeitskampf" herausgegeben.
Untypische Kampfformen werden ausführlich beschrieben. "Die Arbeitnehmer verbleiben untätig am Arbeitsplatz, stehen diskutierend im Betrieb beziehungsweise im Objekt umher, suchen während oder außerhalb der Sprechstunde gruppenweise den Betriebsrat unter verschiedenen Vorwänden auf...".
Als "vorbeugende Maßnahmen" wird empfohlen, "radikale Arbeitnehmer und Gruppen" zu beobachten.
Bei Streikausbruch soll mit Kameras der gesamte Verlauf des Arbeitskampfes dokumentiert werden.
Wenn der Streik länger dauert, kann durch einen Brief an die Privatadresse auch Einfluss auf die Familienangehörigen genommen werden. (ft)
Rosenbaum und Körner erläutern "das Besondere" an diesem Arbeitskampf. "Wenn ich VW bestreike, dann stehe ich draußen am Tor." Bei den Gebäudereinigern und -reinigerinnen - zwei Drittel der Beschäftigten sind Frauen - läuft es anders. Selbst große Gebäude, wie das IG Metallhaus gleich nebenan werden von gerade mal zehn Frauen gereinigt. Das Gewerkschaftshaus selbst wird von fünf Frauen sauber gehalten. Alle fünfzehn übrigens, haben sich spontan dem Arbeitskampf angeschlossen. "Die wollten unbedingt streiken."
Nur 12 Prozent sind Gewerkschaftsmitglieder
Beschäftigt sind sie bei dem Frankfurter Unternehmer Claus Wisser, der zu den Großen in der Branche zählt. Wenige Konzerne bestimmen den Markt, erzählen Rosenbaum und Körner. Sie fahren Gewinne von "zehn Prozent und mehr" ein - und das seit Jahren. Und so erinnert dieser Arbeitskampf auch an die alte Geschichte von David und Goliath.
8,15 Euro haben die Gebäudereinigerinnen nach dem alten Tarifvertrag verdient, der am 30. September ausgelaufen ist. Die Gewerkschaft fordert jetzt 8,7 Prozent mehr Lohn und eine von den Betrieben finanzierte Altersvorsorge. Aber nur rund zwölf Prozent der Beschäftigten sind Gewerkschaftsmitglieder.
Rosenbaum und Körner sind an diesem Vormittag dennoch geradezu "glücklich". Sie spüren ein neues Selbstbewusstsein bei den Frauen. "Es geht nicht nur um Geld, es geht um die Ehre." Schon kurz nach 6 Uhr war Körner in Wiesbaden. "Die Fachhochschule ist komplett leergeräumt, das Rathaus macht heute keiner sauber." Die Sparkassen-Akademie in Eppstein war der dritte Schwerpunkt in Hessen. Insgesamt 14 Streikteams sind landesweit unterwegs, schwärmen morgens aus und nach einem Zwischen-Stopp im Gewerkschaftshaus auch nachmittags.
Büros, S-Bahnen, der Flughafen, Krankenhäuser, Schulen - überall sind die Gebäudereiniger unentbehrlich. Wenn die meisten Beschäftigten mit der Arbeit beginnen, sind "die Unsichtbaren" schon wieder weg. Könnte sein, dass man bald sieht, dass sie nicht da waren. Wo in den nächsten Tagen gestreikt werden soll, wird nicht verraten. Nur so viel steht fest: Täglich soll der Ausstand ein wenig ausgeweitet werden.

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