Vielleicht entstand bei Sophie von Hugo auch deswegen eine solche Betroffenheit, weil Joseph in ihrem Alter gewesen ist. Joseph Levitus, ein Junge aus Frankfurt. Sophie von Hugo, Schülerin am Lessing-Gymnsium und in der zehnten Klasse, lernte Joseph in der Auseinandersetzung mit Anne Frank kennen. Monica Kingreen, Pädagogin am Fritz-Bauer-Institut, hat die 15-Jährige mit dem Leben Josephs vertraut gemacht. Im Geschichts-Unterricht schuf Sophie von Hugo, angelehnt an Anne Frank, ein fiktives Tagebuch, Josephs Tagebuch, des Jungen, den die Nazis in Sobibor ermordet haben.
"Ein bewegendes Schicksal ", sagt das Mädchen. Das Tagebuch-Projekt gilt Raphael Gross am Donnerstag als gutes Beispiel. Solche Projekte sind es, die der Direktor des Jüdischen Museums erwartet, wenn künftig die Arbeit des Pädagogisches Zentrums Frankfurt auf höheren Touren läuft. Seit Anfang September steht dem nichts mehr entgegen: Kultusministerin Dorothea Henzler eröffnete das Zentrum am Donnerstag in Frankfurt am Main, versprach 3,5 Lehrer-Stellen im Wert von etwa 163.000 Euro pro Jahr für das Vorhaben und würdigte es als "eine bundesweit einzigartige Einrichtung".
Wie wird man deutsch? So überschreibt das Pädagogische Zentrum seine erste Lehrerfortbildung am Donnerstag, 17. September, im Museum Judengasse. Anfang Oktober steht die Frankfurter Schule im Mittelpunkt der Betrachtungen. Anmeldungen unter der E-Mail-Adresse liepach@stadt-frankfurt.de.
Mit fünf Pädagogen startet das neue Zentrum. Allesamt sind sie erfahrene Lehrkräfte, die teilweise bereits am Fritz-Bauer-Institut arbeiten. Zu ihnen gehören: Wolfgang Geiger, Monica Kingreen, Gottfried Kößler, Manfred Levy und Martin Liepach. Sie teilen sich insgesamt 3,5 Stellen, die das hessische Kultusministerium für das Projekt finanziert.
Für die Kooperation zwischen Jüdischem Museum und Fritz-Bauer-Institut ergeben sich Anknüpfungspunkte aus dem bisherigen gemeinsamen Wirken. Das Pädagogische Zentrum soll demnächst in die Seckbächer Gasse in der Innenstadt nahe des Instituts für Stadtgeschichte ziehen.
Ein Projekt, an dem Monica Kingsgreen gemeinsam mit vier weiteren Kollegen mitwirkt. Im Grunde ist das Anne-Frank-Projekt am Lessing nichts anderes als ein Vorgriff auf das künftige Wirken des Pädagogischen Zentrums gewesen, einer vom Fritz-Bauer-Institut und vom Jüdischen Museum gemeinsam geschaffenen Einrichtung. Und doch, darauf besteht Gross, sollte man sich nicht auf "eindimensionale Wege" lenken lassen, wenn man sich allein an dem Anne-Frank-Projekt orientiere. Das Zentrum nehme sich vielmehr vor, bisherigen Darstellungen des Judentums etwas entgegenzusetzen. Das wolle er ausdrücklich nicht als einen Bruch von Tabus verstanden wissen, betont Museumsleiter Gross, der in Personalunion auch das Dokumentationszentrum Bauer-Institut lenkt.
Tabubruch, "das kann jeder, da muss man nicht sonderlich intelligent sein". Vielmehr wolle man Juden nicht länger als Opfer darstellen und in der Betrachtung mit antisemitischen Klischees aufräumen. Zu Geschichte wie Alltag der Juden gehört doch mehr als der Holocaust, "wenngleich das Bild bis heute durch die Dimension dieses Verbrechens geprägt ist".
Das Zentrum versteht sich als Anlaufstelle für Ratsuchende, will methodischen Fragen der Vermittlung jüdischer Geschichte nachgehen, bietet Studientage an und startet jetzt mit einem Forschungsprojekt zur Darstellung von Juden in Schulbüchern. Für Gross geht es dabei um die These: Die Darstellung der Juden, die mit dem Anspruch aufklärerischer Absicht antrete, "erreicht die Darstellung des Gegenteils".

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