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Schüler Jamal: Gekommen, um zu bleiben

Der 17-jährige Jamal ist nach der Abschiebung zurück in Eschwege - und wird empfangen wie ein Popstar. Jamal selbst ist einfach nur glücklich.

        

Sprachlos vor Glück: Jamal wird am Frankfurter Flughafen   empfangen.
Sprachlos vor Glück: Jamal wird am Frankfurter Flughafen empfangen.
Foto: Michael Schick

Als sie es nicht mehr aushalten zu warten, fangen Jamals Freunde an, ihn auszurufen. „Eins, zwei, drei – Jamaaaaal!“, brüllen sie und beugen sich über das Absperrgitter in der Ankunftshalle. Und noch mal: „Eins, zwei, drei – Jamaaaaal!“ Rund 30 Freunde und Verwandte sind mit einem eigens gemieteten Bus aus Eschwege an den Frankfurter Flughafen gekommen. Doch als Jamal endlich aus der Gepäckhalle tritt, zwei kleine Rollkoffer in den Händen, da müssen sie wieder warten. Denn rund um Jamal und seine Mutter, die ihn weinend umarmt, flirren die Blitzlichter. Kamerateams beugen sich über den 17-Jährigen, Mikrofone bahnen sich ihren Weg zwischen den heimgekehrten Sohn und seine Familie, Reporter fragen ihn, wie er sich fühlt. Jamal sagt, er sei sprachlos, und ist es auch.

Empfang wie für einen Popstar

Als Jamal Sadkhyan am 12. August 2010 deutschen Boden betritt, empfängt Deutschland ihn wie einen Popstar. „Wer ist das?“, fragen heimkehrende Urlauber. Mädchen stoßen spitze Schreie aus. „Herzlich willkommen“, sagt eine ältere Dame, die den Trubel neugierig beäugt hat, und drückt fälschlicherweise Jamals Bruder Alik an ihre Brust.

Als Jamal im Dezember 2009 Deutschland verließ, ging er heimlich, plötzlich, ungewollt. Er musste gehen, weil er nicht willkommen war, die Ausländerbehörde schob ihn nach Armenien ab. Seine Familie war in Deutschland nur geduldet, Jamals Vater hatte für seine Kinder bei der Einreise seinen eigenen Namen angegeben, obwohl sie laut Geburtsurkunde den Namen der Mutter trugen. Nach sieben Jahren mussten Jamal und sein Vater ausreisen, auch seine Mutter und die beiden Brüder sollten bald folgen. „Wenn Menschen in unser Land kommen mit Namen und Legenden, die nicht der Wahrheit entsprechen, kann man das nicht außer Acht lassen“, rechtfertigte Innenminister Volker Bouffier (CDU) im Landtag die Abschiebung des Schülers aus Eschwege, damals noch Jamal H. genannt.

Doch die Abschiebung des Zehntklässlers wurde zum Politikum. Erst drei Monate zuvor hatte der Klassenbeste ein Stipendium der Hertie-Stiftung erhalten. Kultusministerin Dorothea Henzler (FDP) ehrte ihn und andere junge Migranten aus diesem Anlass als Beispiele gelungener Integration. Er sei „eine Bereicherung für die Gesellschaft“, sagte sie und dass Deutschland „solche engagierten und lernwilligen jungen Persönlichkeiten“ brauche. „Wir können es uns nicht leisten, auf einen einzigen Jugendlichen zu verzichten.“ Die Ausländerbehörde sah das anders. Damals. Dass Jamal nun wieder in Eschwege leben darf, das verdanke er vor allem seinem Schulleiter, sagt er, als er seine Sprache wiedergefunden hat. „Ein dreifaches Hoch auf Herrn Ingrisch“, unterbricht ihn sein Fußballtrainer, und alle Freunde rufen „Hoch, hoch, hoch!“ Edgar Ingrisch lächelt. Der Leiter der Anne-Frank-Schule hatte sich an den Petitionsausschuss des Landtags gewandt, eine „zähe, langwierige“ Prozedur, sagt er. Am Ende führte ein Einzelfallantrag des zuständigen Landrats Stefan Reuß (SPD) zum Erfolg.

Ingrisch ist Lehrer für politische Bildung, er betont, dass man den Staat nicht schlechtreden dürfe. „Die Schüler haben gelernt, dass sich gesellschaftliches Engagement lohnt“, sagt er. Jamals Rückkehr sei „ein Indiz dafür, dass unser Rechtsstaat noch funktioniert“. Doch dass seine Freunde erst für Jamal auf die Straße gehen, viele Menschen sich monatelang für ihn einsetzen mussten, dass sei dann doch problematisch, räumt er ein. Man sei „zu abhängig von einer Gnadenentscheidung der Exekutive“, sagt er und dass das Ausländerrecht mehr auf den Einzelfall eingehen müsse.

Jamal selbst kann noch gar nicht glauben, dass er ein solcher Einzelfall ist. Er müsse sich erstmal ausruhen, sagt er und dass er verdammt glücklich darüber sei, wieder in die Schule gehen zu dürfen. In Armenien, wo er in einem Wohncontainer in Eriwan lebte, sei es schlimm gewesen, „aber jetzt ist alles wieder wie früher“ – nun müsse nur noch sein Vater aus Armenien kommen.

Jamals Aufenthaltsrecht gilt zunächst, bis er die Schule beendet hat. Über die Zeit danach will er noch nicht nachdenken. Er ist gekommen, um zu bleiben.

Autor:  Marie-Sophie Adeoso
Datum:  12 | 8 | 2010
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