Der mittelhessische Anti-Gentechnik-Aktivist Jörg Bergstedt muss am Donnerstag ins Gefängnis. Er ist zum Antritt seiner Haft nach Gießen geladen worden – in den offenen Vollzug. Der 45-jährige Bergstedt war vom Landgericht Gießen zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe ohne Bewährung verurteilt worden.
Das ist die härteste Strafe, die jemals in Deutschland für eine Aktion gegen ein Gentechnik-Feld verhängt worden ist. „Dieses halbe Jahr ist vollkommen absurd“, sagt der Betroffene. Nach Bergstedts Angaben gab es noch nie eine Haftstrafe für die selbsternannten „Feldbefreier“.
67 Betreiber sind in Hessen mit gentechnischen Arbeiten beschäftigt. Dazu zählen sowohl Unternehmen als auch Forschungseinrichtungen. Das teilte die Landesregierung 2009 mit.
„Rote Gentechnik“, also die Arbeit an Medikamenten, steht wirtschaftlich im Vordergrund. „Grüne Gentechnik“, also die Arbeit mit veränderten Pflanzen, wurde von 14 Betreibern ausgeübt.
Der Protest richtet sich gegen „Auskreuzung“. Gemeint ist, dass gentechnisch veränderte Organismen sich auf Nachbarfelder ausbreiten. Lebensmittel ohne Gentechnik werde es auf Dauer nicht mehr geben, so die Sorge. (pit)
Aus Bergstedts Sicht ist es ein „Abschreckungsurteil“, dem ein zweijähriger Prozess mit 300 Beweisanträgen voranging. Gemeinsam mit drei Mitstreitern hatte er 2006 gentechnisch veränderte Gerste auf einem Versuchsfeld der Gießener Justus-Liebig-Universität ausgerissen. Vor laufender Kamera hatten sie den Zaun durchtrennt, um die Pflanzen auf der nur 9,6 Quadratmeter großen Fläche zu zerstören. Die vier Aktivisten wurden sehr unterschiedlich bestraft. Die Justiz stellte die Verfahren gegen zwei von ihnen wegen Geringfügigkeit ein. Der dritte Teilnehmer kam mit einer Bewährungsstrafe davon. Nur Bergstedt muss in Haft. Er gehört zu den bekanntesten Gentechnik-Gegnern. In seiner Broschüre „Organisierte Unverantwortlichkeit“, die in den einschlägigen Initiativen weit verbreitet ist, zeigt er Verflechtungen zwischen Konzernen, Wissenschaft und staatlichen Institutionen in der deutschen Gentechnik-Industrie auf.
Derzeit schreibt Bergstedt an seinem Buch „Monsanto auf Deutsch“. Es soll im Herbst erscheinen. Er hofft, die Arbeit daran während des offenen Vollzugs fortsetzen zu können. „Das hängt davon ab, ob sie meine Schriftstellerei als Arbeit anerkennen“, sagt Bergstedt.
Jetzt hat er eine Tasche mit Zahnbürste, Radio, Büchern und Papier gepackt. Ersatzkleidung brauche er nicht, sagt der asketisch lebende Bergstedt, der eine linke Projektwerkstatt im mittelhessischen Saasen bei Reiskirchen mit Spenden betreibt.
Der radikale Herrschaftsgegner Bergstedt war in den vergangenen Jahren auch als Widersacher von Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) bekannt geworden. Zu Bouffiers Amtszeit als Innenminister war Bergstedt wegen Sachbeschädigungen an der Gießener CDU-Geschäftsstelle und in der Nähe von Bouffiers Wohnhaus festgenommen und arrestiert worden, obwohl die Polizei wusste, dass er nicht der Täter sein konnte. Sie hatte ihn nämlich zur Tatzeit observiert.
Dennoch musste er mehr als vier Tage in Polizei-Gewahrsam zubringen. Ein Gericht stellte fest, dass die Haft unrechtmäßig war. Ein Verantwortlicher für die Freiheitsberaubung ließ sich für die Justiz aber nie ausmachen. Kurz vor Bouffiers Wahl zum Ministerpräsidenten wurden alle Ermittlungen eingestellt, auch die Vorermittlungen gegen den damaligen Minister Bouffier.

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