Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

18. Februar 2013

Geothermie-Kraftwerk im Kreis Groß-Gerau: Die Tiefbohrer

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Um tief in die Erde zu dringen, benötigt man große Bohrer. Foto: Boeckheler

Die Energiewende ist nur mit Sonne und Wind nicht zu schaffen. Warum nicht die Erde anzapfen? Im Kreis Groß-Gerau will die ÜWG ein Geothermie-Kraftwerk bauen – und sucht den Dialog mit der Bevölkerung

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Bevor der erste Liter heißes Wasser im Kreis Groß-Gerau aus mehr als 3000 Metern Tiefe gepumpt, verstromt und zur Wärmegewinnung genutzt werden kann, hat das Projekt die Menschen im Ried bereits elektrisiert. Nach fünfjähriger Planung, seismischen Messungen und geologischen Erkundungen, nach Aufbau eines Erdbeben-Frühwarnsystems und Festlegung möglicher Standorte für Hessens erstes Geothermie-Kraftwerk werden nun in Bürgerforen in Groß-Gerau Grundlagen, Chancen und Risiken der Technologie diskutiert.

Durchaus kontrovers: Zwar galt die Energie aus der Tiefe einmal als Bote eines sanften Wandels, doch die Euphorie ist heute verflogen. Es geht ein Riss durch die Bewegung, denn Risiken und Nebenwirkungen birgt die Technik durchaus – wie ein Blick über die Landesgrenze ins pfälzische Landau zeigt. Dort hat 2009 ganz in der Nähe des zwei Jahre zuvor eröffneten Geothermie-Kraftwerks die Erde leicht gebebt – ausgelöst „höchstwahrscheinlich durch den Betrieb“ der Anlage, wie es im Mediationsbericht heißt. Risse im Putz von Häusern, das Vertrauen der Bürger erschüttert: Im anschließenden Mediationsverfahren der Mainzer Landesregierung wurde deutlich, wie mühsam es ist, um die Akzeptanz einer Technologie zu werben, die vielen Angst macht.

Das Thema polarisiert: Für die einen handelt es sich bei der tiefen Geothermie um eine unerprobte, extrem subventionierte, mit geringem Nutzen und kaum abschätzbaren Risiken verbundene Technik; für die anderen ist die Methode sehr wohl zukunftsfähig – klimafreundlich, unerschöpflich, preisstabil und rund um die Uhr, unabhängig von Tageszeit und Witterung, verfügbar.

Die Voraussetzungen in dem südhessischen Flecken, der geologisch zum Oberrheingraben gehört, sind für die Tiefbohrer jedenfalls günstig. Temperaturen von etwa 150 Grad 3000 Meter unter der Erdoberfläche lassen die Nutzung der Energie attraktiv erscheinen. Auch eine Stromerzeugung ist möglich – zumal die Kraftwerke dabei Chemikalien einsetzen, die aufgrund des niedrigen Siedepunkts effizienter sind als Wasser; ihr Dampf treibt die Turbinen an.

Doch der Einsatz von Chemikalien gehört mit möglichen Lärmentwicklungen und den befürchteten Erdstößen aufgrund des hohen Drucks, mit dem Wasser aus dem Boden hinauf- und danach wieder hineingepumpt wird, zu den Themen, welche die Menschen nicht nur in Landau umtreiben. Solche Ängste nimmt das Überlandwerk Groß-Gerau (ÜWG) ernst, das für das Prestige-Projekt viel Geld in die Hand nimmt. 35 Millionen Euro will es in das Tiefen-Geothermie-Kraftwerk investieren, das 2014 oder 2015 den Betrieb aufnehmen könnte. 2020 möchte der Kreis ein Drittel der benötigten Energie aus erneuerbaren Quellen beziehen. Hanns-Detlef Höhne, kaufmännischer Geschäftsführer der ÜWG, ist vom Potenzial unter der Erde überzeugt. Natürlich könne auch er keine völlige Sicherheit versprechen, doch Risiken ließen sich aufgrund der Erfahrungen an anderen Standorten minimieren.

Also wirbt er leidenschaftlich für das Projekt. Sichert größtmögliche Transparenz zu, debattiert offen über kundenfreundliche Verfahren bei einer möglichen Schadensabwicklung und appelliert an die Menschen im Kreis, sich zu beteiligen. „Wenn wir nach diesen Veranstaltungen den Eindruck erhalten, dass unsere Investitionen willkommen sind, werden wir sie tätigen. Wenn nicht, werden wir nicht in ein Kraftwerk investieren.“

Die Bürger einbinden, Kritik ernst nehmen – auch in Landau hat man nach den Worten des Kraftwerk-Chefs Christian Lerch „hinzugelernt“.

Selbst Bundesumweltminister Peter Altmaier hat jetzt bei einem Besuch des Geothermie-Kraftwerks in Insheim in der Südpfalz Gegnern der Technologie versprochen, ihre Vorwürfe zu prüfen. Das Werk in Insheim habe Pioniercharakter. „Die Erfahrungen, die dort gemacht werden, können uns helfen abzuschätzen, welches Potenzial die Tiefengeothermie für die Energieversorgung in Deutschland hat.“

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