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Anatomie: Geschenkte Körper

Eigentlich wollen sie mit ihrer Körperspende einer guten Sache dienen. Doch wegen großen Andrangs werden keine Neuen aufgenommen.

Eine präparierte menschliche Hand aus der Sammlung der Uni Frankfurt
Eine präparierte menschliche Hand aus der Sammlung der Uni Frankfurt
Foto: Andreas Arnold
Frankfurt/Gießen –  

Der Mann aus Darmstadt hatte Pech. Keiner wollte seinen Körper. Monika Wimmer, Professorin am Institut für Anatomie und Zellbiologie in Gießen, musste den Spender abweisen, weil wegen des großen Andrangs derzeit keine Neuen aufgenommen werden. Etwa 40 Leichen hat die Wissenschaftlerin abrufbereit in Kühlkammern liegen, mehr als die etwa 24 Toten, die pro Jahr für den makroskopischen Anatomiekurs der Justus-Liebig-Universität in Gießen benötigt werden. Die Reserve ist schwer zu kalkulieren. „Man weiß ja nicht, wann jemand stirbt“, sagt sie. Mal scheiden übers Jahr verteilt kaum Spender aus dem Leben, dann wieder füllt eine schwere Grippewelle die Lager auf. „Über die Jahre gleicht sich das aus“, weiß Wimmer.

Auch Christof Schomerus, Privatdozent und wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Anatomie der Goethe Universität in Frankfurt, musste in den vergangenen Jahren spätestens im Herbst die Körperspenderdatei wegen Überfüllung schließen. Etwa 200 Menschen, sagt er, melden sich jährlich in Frankfurt. Die rund 1000 Studenten der Human- und Zahnmedizin studieren in drei Anatomiekursen den Aufbau des menschlichen Körpers und brauchen dafür Leichen. 12 bis 15 künftige Ärzte teilen sich einen Körper und zerschneiden ihn nach allen Regeln der Kunst. „Präparieren“ heißt das im Fachjargon. Im ersten Kurs geht es um den Bewegungsapparat, werden Muskeln, Fettgewebe, Nervenstränge an Händen, Armen und Beinen freigelegt. Dann dringen die Studenten zu den inneren Organen vor, öffnen Bauch- und Brusthöhle, um Herz, Lunge und Nieren zu erforschen.

Spender und Leichendiebe

Schon in der Antike gab es Anatomen, die Leichen sezierten. Auch die Künstler der Renaissance, unter ihnen Leonardo Da Vinci, studierten auf diese Weise den menschlichen Körper. Während im späten Mittelalter Tote nur für Lehrzwecke verwendet wurden, begannen Mediziner erstmals in der Renaissance, systematisch Leichen zu sezieren. Als Begründer der neuzeitlichen Anatomie gilt der flämische Mediziner Andreas Vesal.


Die Beschaffung der Toten war in früheren Jahrhunderten ein dunkles Geschäft, schildert Dirk Preuß, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Institut der Geschichte der Medizin der Universität in Gießen. Im 17. Jahrhundert ist aus Jena überliefert, dass Bauern aus Angst vor Dieben die Gräber bewachten. Im England des 19. Jahrhunderts stahlen Leichendiebe Verstorbene nicht nur aus Friedhöfen, sondern auch aus Krankenhäusern und Aufbahrungshallen.

Bis ins 20. Jahrhundert hinein griffen Anatomen noch auf Menschen aus Randgruppen zurück, Arme, Fürsorgeempfänger, Frauen mit unehelichen Kindern. Während der NS-Zeit übernahmen einige anatomische Institute in Deutschland die Leichname der Hingerichteten, auch die, die von Sondergerichten aus politischen Motiven zum Tode verurteilt wurden. Erst die moderne Medizin setzt auf freiwillige Körperspenden, seit dem Wegfall des Sterbegeldes ist die Spendenbereitschaft groß.

Auch Gunther von Hagens' umstrittene „Körperwelten“ melden viele freiwillige Spender. 12.000 Menschen ließen sich seit 1982 beim Institut für Plastination in Heidelberg registrieren. Davon stammen 726 aus Hessen. 824 der Spender seien verstorben, davon wurden 150 zu Ausstellungsobjekten verarbeitet, 150 zu Einzelpräparaten, 200 an Unis verkauft. 100 wurden in Präparationskursen bearbeitet und 100 liegen auf Lager, erklärt die Pressestelle.

Wer seinen Körper zur Plastination oder für wissenschaftliche Zwecke spendet, muss zu Lebzeiten eine Vereinbarung mit dem Institut unterschreiben, das er ausgewählt hat. Hinterbliebene dürfen keine Körper spenden. (res)

Abgetrennte Gliedmaßen und Organe, sagt Schomerus, würden beschriftet, damit sie später wieder zuzuordnen sind – nach dem letzten Kurs, bei dem die Schädeldecke geöffnet und das zentrale Nervensystemfreigelegt wird. Danach ist ein Körper „durchpräpariert“, die Teile werden eingeäschert und finden ihre letzte Ruhe auf dem Urnenfeld der Universität im denkmalgeschützten Teil des Frankfurter Hauptfriedhofs. Bei einer jährlichen Feier auf Uni-Kosten werden alle Toten aus den Kursen gemeinsam bestattet. Es kommen Angehörige, Institutsmitarbeiter und bis zu 200 Studenten, die Reden halten, musikalische Beiträge vortragen und die Urnen eigenhändig zu Grabe tragen. 44 waren es in diesem Jahr. Einige wählen ihr Familiengrab, eine Urne wurde nach New York verschifft.

In Gießen müssen Körperspender mindestens 55, in Frankfurt 50 Jahre alt sein

Zwischen Tod und Beisetzung können bis zu drei Jahre vergehen. Freiwilligkeit auf diesem langen Weg ist garantiert, sagt Schomerus. Spender melden sich zu Lebzeiten bei der Anatomie und unterschreiben eine letztwillige Verfügung, die sie jederzeit widerrufen können. Die Bedingungen sind unterschiedlich. In Gießen müssen zwei Zeugen dabei sein, das Mindestalter beträgt 55 Jahre, in Frankfurt gilt die Altersgrenze 50, sonst müssen die Wissenschaftler zu lange auf die Körper warten. Den Studenten fällt es außerdem leichter, mit alten Menschen zu arbeiten, sagt Wimmer. Jüngere, die nach ihrem Tod Gutes tun wollen, sollten lieber ihre Organe zur Verfügung stellen.

Die Beweggründe der Spender sind verschieden. Mancher verdankt nach schwerer Erkrankung der Medizin sein Leben und will sich künftigen Ärzten gegenüber dankbar zeigen. Einige sind allein und haben kein Interesse an einer Trauerfeier, andere wollen ihre Angehörigen finanziell nicht belasten. Sterben ist teuer, das haben auch die Universitäten bemerkt. Seit dem Wegfall des Sterbegelds wird das Körperspendewesen immer kostspieliger. Noch werden in Frankfurt und Gießen Tote kostenlos angenommen, sie dürfen nur nicht von auswärts sein, um die Überführungskosten im Rahmen zu halten. Viele Universitäten in Deutschland verlangen inzwischen jedoch Beiträge von den Spendern, die zwischen 600 und 1200 Euro liegen, sagt Professor Friedrich Paulsen vom Vorstand der Anatomischen Gesellschaft. Er sieht die wachsenden Spenderzahlen mit Freude. „Wir brauchen sie“, sagt er. Denn die Ausfallrate sei hoch. „Von 100 Spendern kommen nur 20 an.“ Manchmal scheitert der letzte Wille an unwissenden Angehörigen oder die Körper sind unbrauchbar, sei es durch Unfall, schwere Krankheit oder extreme Fettleibigkeit.

Der Bedarf werde eher noch steigen, sagt Paulsen. Universitäten, die das Körperspendewesen aus Kostengründen stark zurückgefahren hätten, steuerten wieder um. In Ländern, in denen wie in Italien aufgrund des starken Einflusses der katholischen Kirche keine Präparierkurse mehr angeboten werden, leide die Ausbildung. „Kein noch so moderner Präpariersaal mit allen digitalen Möglichkeiten kann die praktische Erfahrung ersetzen“, findet Paulsen. Das gilt auch für erfahrene Mediziner, sagt Schomerus, der als Prosektor die Leichen in Frankfurt verwaltet und auch für Fortbildungen zur Verfügung stellt. Neue Operationsmethoden, Prothesen und Implantate werden dabei erprobt: „Die einzige Gelegenheit, in der Ärzte in Ruhe experimentieren können, bevor sie am Patienten arbeiten.“

Autor:  Regine Seipel
Datum:  29 | 7 | 2010
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