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12. März 2015

Gesetz zum Maßregelvollzug: „Ein Gefühl völliger Entmachtung“

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Vier Monate lang verbrachte der Dennis Stephan unschuldig in der forensischen Psychiatrie in Gießen und Haina. "Selbst die schlimmste Tat rechtfertigt nicht die Unterbringung im Maßregelvollzug", so der 38-Jährige.

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Selbst die schlimmste Tat rechtfertigt nicht die Unterbringung im Maßregelvollzug, sagt Dennis Stephan. „Man wird gequält, die Menschenrechte werden mit Füßen getreten.“ Vier Monate lang verbrachte der 38-Jährige unschuldig in der forensischen Psychiatrie in Gießen und Haina. Auf die für Januar zugesagte Haftentschädigung wartet der Archäologe bis heute.

Was er in den Einrichtungen erlebte, hat ihn in seiner Ablehnung gegen jedwede psychiatrische Therapie bestärkt. Mit anderen Betroffenen und Unterstützern hat er anlässlich der Anhörung zur Änderung des Maßregelvollzuggesetzes am Donnerstag in Wiesbaden demonstriert und den Landtagsfraktionen einen Forderungskatalog übergeben: „Weg mit der unmenschlichen Zwangsbehandlung!“

Stephan weiß, wie sich so etwas anfühlt. „Ich will kein Opfer sein.“ Diesen Satz wiederholt er mehrfach, während er seine Geschichte erzählt. Eine Geschichte, die, wie er sagt, mit einem kleinen Brand des Mülleimers in seinem Badezimmer begann und in einer 13-tägigen Einzelisolation gipfelte. „In dieser Zeit habe ich keinen gesehen, außer Psychiatern und Pflegern.“ Denkt er zurück, kommt schnell die ganze Wut wieder hoch.

Wut auf den Gutachter, der ihn zum „gefährlichen Straftäter“ erklärte, zum Brandstifter. „Er hat mich zehn Minuten im Leben gesehen, mich nicht aufgeklärt, und ich habe gesagt, dass ich nicht mit ihm reden will.“ Und wenn dieser Gutachter sich nicht während des Prozesses in Widersprüche verwickelt hätte, dann säße Stephan womöglich noch immer in Häftlingskluft hinter den hohen Betonwänden, untergebracht im Einzelzimmer.

Keine Privatsphäre

Ohne Privatsphäre und mit dem Gefühl völliger Entmachtung. Ob Telefonate oder Briefe – alles werde da drinnen kontrolliert. Eine Stunde Hofgang – mehr gab es nicht. „Was man Ihnen angetan hat, ist nicht wiedergutzumachen“, habe die Richterin ihm nach seinem Freispruch gesagt.

Stephan hatte nicht nur das Glück, dass er nicht noch länger isoliert und entmündigt wurde. Auch konnte er in dem Prozess seine Interessen artikulieren, denn er stand nicht unter Medikamenten und war hellwach, als er vor den Richtern sprach. Die ganzen vier Monate lang hatte er es abgelehnt, sich therapieren zu lassen. „Ich habe versucht, als gesunder Mensch das durchzustehen.“ Psychopharmaka, weiß er aus der Vergangenheit, machen schlapp und gefühlslos. „Man wird damit abgeschaltet.“ In einem solchen Zustand möchte er nie wieder gebracht werden. Das hat der 38-Jährige, der für die Linken-Fraktion im Gießener Kreistag sitzt, in seiner Patientenverfügung unterschrieben.

Die volle Anerkennung dieses Schriftstücks ist eine der Forderungen, für die Dennis Stephan am Donnerstag in Wiesbaden auf die Straße ging. Er trifft sich mit anderen Psychiatrie-Erfahrenen, die – wie er – die Zustände im Maßregelvollzug bekämpfen wollen. Denn er sieht sich nicht als Einzelfall. „Die Einweisung von gesunden Menschen ist Bestandteil des Systems.“

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