Erst hatte er sie beschimpft, angespuckt. Dann griff der Schwarzfahrer Sabine M. in die langen Haare und schleifte sie durch den ICE-Zug. „Er hat meinen Kopf immer wieder gegen die Scheibe geknallt, als ich dann am Boden lag, mich noch getreten.“ Auch nach anderthalb Jahren fällt es der Hessin schwer, über das schlimme Erlebnis zu reden.
Zwei Männer werden am Donnerstag, 12. Januar, in der S-Bahn ohne Ticket erwischt. Sie beschimpfen die Kontrolleure, springen am Bahnhof Dietzenbach aus dem Zug. Bei ihrer Flucht verletzen sie ihre Verfolger mit Schottersteinen aus dem Gleisbett.
Ein 25-jähriger Frankfurter beantwortet im August 2011 im ICE Frankfurt–Limburg die Frage des Zugchefs nach der Fahrkarte mit einer Ohrfeige.
In einer S-Bahn wird ein Mann aus Groß-Gerau im November 2010 rabiat, nachdem er keinen Fahrschein hatte.
Zwei Straßenbahnlenker in Frankfurt werden im August 2010 binnen Stunden von Schwarzfahrern verletzt.
Ihren Beruf kann die junge Zugbegleiterin, deren richtiger Name hier nicht genannt wird, nicht mehr ausüben. „Ich habe Panik vor Zügen, die Angst ist viel zu groß.“
80 Prozent der Übergriffe passierten bei der Fahrkartenkontrolle
Übergriffe auf Mitarbeiter der Bahn nehmen zu. Bundesweit 457 Zwischenfälle registrierte die Deutsche Bahn im Jahr 2011 – Tendenz steigend, hessische Zahlen gibt es nicht. 80 Prozent der Übergriffe passierten bei der Fahrkartenkontrolle – Betroffene: zur Hälfte Mitarbeiter der DB-Sicherheit und des Zugpersonals.
„Die Antwort darauf kann nur heißen, alle Züge mit genügend Zugbegleitern zu besetzen“, meint der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL), Claus Weselsky. Ständige Präsenz in den Bahnen schrecke potenzielle Schwarzfahrer ab und mehre die Profite der Verkehrsunternehmen.
Vier bis sieben Prozent der Einnahmen gehen verloren
Auch der Rhein-Main-Verkehrsverbund (RMV) hat sich für das neue Jahr vorgenommen, das Schwarzfahren zu verhindern. Vier bis sieben Prozent der Einnahmen gehen nach Schätzungen der Experten dem Verbund aufgrund von „Beförderungserschleichung“, wie es im Amtsjargon heißt, durch die Lappen. Für das Frühjahr kündigt Geschäftsführer Knut Ringat mehrere Wellen „großer Kontrollen“ an. Ein Prozent Mehreinnahmen brächten dem Verbund sieben Millionen Euro im Jahr.
Bei der personellen Besetzung der Züge sei der RMV „vorbildlich“, meint Sprecher Peter Vollmer. In so gut wie allen Regionalbahnen gebe es Zugbegleiter. Bei den S-Bahnen fährt spätestens ab 21 Uhr Sicherheitspersonal mit – von Dezember 2014 an sogar schon ab 20 Uhr. Laut Kundenumfrage fühlten sich die Fahrgäste sicher. Der RMV bestellt die Leistungen bei den Verkehrsunternehmen und gibt so auch vor, wie viele Begleiter die Züge haben.
„Die regen sich schon auf, wenn man mal fünf Meter zu weit fährt“
Vor dem Hintergrund der zunehmen Gewaltbereitschaft reichen ein Lokführer und ein Begleiter nicht, meint Thomas Hubfeld, Vorsitzender der GDL-Ortsgruppe Kassel. Die Fahrkartenkontrolle müsse im Tandem passieren. „Wir brauchen zwei Leute, die einander helfen können.“ In den vergangenen fünf Jahren seien die Reisenden immer renitenter geworden: „Die regen sich schon auf, wenn man mal fünf Meter zu weit fährt.“ Die wenigen Kurse in Deeskalation hülfen dem Personal da wenig weiter.
Michael Krienke, Vize-GDL-Vorstand für den Bezirk Frankfurt und Lokführer, weiß von Fällen, die erst gar nicht in die Statistik der Bahn mit einfließen: „Verbale Beschimpfungen von Schlampe bis …“ Von Zugbegleitern, die von Schwarzfahrern angespuckt, getreten, geschubst würden; oder ins Gesicht geschlagen, so dass ihnen das Nasenbein brach. Einem anderen sei mit der Schnalle einer Hundeleine der Meniskus zertrümmert worden.
„Die solidarisieren sich eher mit dem Schwarzfahrer als mit unserem Personal“
Ein spezielles Täterprofil gebe es nicht. „Das zieht sich durch alle Altersgruppen und Schichten.“ Dass Polizisten in Uniform unentgeltlich mitfahren dürfen, habe keine Besserung gebracht. Und von den anderen Fahrgästen sei keine Unterstützung zu erwarten. „Die solidarisieren sich eher mit dem Schwarzfahrer als mit unserem Personal.“
Sabine M. hat erlebt, dass es Ausnahmen gibt. Bei einem Zughalt sah ein Reisender auf dem Bahnsteig was ihr geschah, und riss die Tür auf. Sie ist ihm heute noch unendlich dankbar: „Der Mann hat mir das Leben gerettet.“

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