Die eine Hand griff tief ins Haar und zerrte, die zweite langte ins Gesicht, die dritte drückte das Mädchen mit aller Kraft gegen die Wand der Straßenbahn. Warum, weiß keiner. Als das Opfer an der Mönchhofstraße aus der 21er Tram stieg, versuchte das Trio, dem 13-jährigen Kind das Handy zu entreißen. Funktionierte nicht.
Also traktierten sie es an der Station weiter, schlugen auf es ein, bis ein 34er Bus Richtung Römerhof hielt. Dann stiegen die drei schmalen Mädchen, keine größer als 1,60 Meter, ein und ließen die 13-Jährige zurück. Das war am Montagmittag.
Am Samstag gingen drei Jugendliche im Nordwestzentrum auf einen vierten los und klauten ihm sein Mobiltelefon.
Eine Woche zuvor konnte die Polizei einen Zwölfjährigen und einen Dreizehnjährigen festnehmen, die Tage zuvor eine alte Frau mit Soft-Air-Waffen angegriffen und verletzt hatten.
Rauer Umgangston
Wieder eine Woche davor griff ein Mädchenquartett eine 17-Jährige in einem Bus der Linie 39 an und ignorierte die anwesende Mutter der 17-Jährigen. An der Hügelstraße stieß eine der Angreiferinnen das Opfer die Treppe einer Unterführung hinunter und flüchtete dann mit den anderen. Die Liste lässt sich verlängern.
"Kabbeleien unter Jugendlichen hat es schon immer gegeben", sagt der Frankfurter Polizeisprecher Manfred Vonhausen. "Das haben wir doch alle gemacht." Aber da hören für den Ordnungshüter die Gemeinsamkeiten tatsächlich schon auf. "Die Art und Weise", wie "gekabbelt" wird, die habe sich merklich verändert, konzediert Vonhausen.
Sprich: Kabbeln war mal, gehörte irgendwie zum Erwachsen werden, unter Jungen allemal, die in ihren pubertären Wallungen sich selbst kaum einschätzen und also auch nicht zügeln konnten. Heute aber geht es viel eher, viel öfter gleich hart zur Sache. Jedenfalls scheint es so. "Uns fehlen da schlicht die Vergleichszahlen" sagt Polizeisprecher Vonhausen. Es könnte auch ein, zwei oder drei Jahre dauern, bis die vorliegen.
Gegenwärtig erinnert die Aufmerksamkeit für die Entwicklung jugendlicher, speziell der Mädchen-Gewalt an die Wahrnehmung der häuslichen Gewalt: Es gab sie schon immer, aber niemand sagte was. Bis die Gesellschaft für die Taten sensibilisiert war. Das Delikt häusliche Gewalt schien zu explodieren, tatsächlich nahmen nur die Anzeigen zu.
Frauenreferat: Es fällt auf
Auch im städtischen Frauenreferat beobachtet man die häufiger publik werdenden Fälle von Gewalt, die von Mädchen ausgeht. "Das fällt schon auf", sagt Leiterin Gabriele Wenner, gibt aber auch gleich zu bedenken, dass es "keine gesicherten Zahlen" gebe, und aus den Frankfurter Mädchen-Einrichtungen kämen auch keine Rückmeldungen über eine deutlich wahrnehmbare Zunahme an solchen Vorkommnissen.
Beim Deutschen Jugend-Institut (www.dji.de) ist zu erfahren, "dass Mädchen in Gruppenzusammenhängen gewaltverstärkend und in Einzelfällen auch selbst offen gewalttätig agieren". Kriminalstatistiken würden "eine erhebliche Zunahme" belegen. Gleichwohl blieben die Fälle, in denen Mädchen Gewalt ausüben immer noch weit hinter denen männlicher Jugendlicher zurück.
Letzteres kann das Frankfurter Jugendamt bestätigen. Rainer Johne von der Jugendgerichtshilfe weiß, dass im vorigen Jahr 22 Prozent aller Jugendlichendelikte - also nicht nur Gewalt - Mädchen unter 21 Jahren zur Last gelegt wurden. 2008 waren es 23 Prozent. Aber klar sei, "die Gewalt hat zugenommen", nur nicht unbedingt explosiv. Referatsleiterin Brigitte Henzel sieht auch einen Wandel - vom früheren "Mädchen klauen immer" hin zu anderen Delikten. Die Pferde unnötig scheu machen will aber keiner.
Die Gründe oder Auslöser für Mädchen-Gewalt erklären sich erfahrene Jugendarbeiter wie Helga Roos von der Sporthilfe mit einer Reaktion auf raue Umgangsformen und Provokation, "weil man das manchmal braucht, um sich zu fühlen". Das aber gilt auch für Jungs. Weshalb Manfred Vonhausen von einem "ganz allgemeinen Problem" spricht: Draufhauen ohne Nachdenken. Kommentar R4

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