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Goethe-Preis: Frankfurt würdigt Pina Bausch

Die Choreographin Pina Bausch ist am Donnerstag als erste Vertreterin der internationalem Tanzwelt mit dem Goethepreis ausgezeichnet worden.

Pina Bausch ist die neue Preisträgerin des Goethepreises,
Pina Bausch ist die neue Preisträgerin des Goethepreises,
Foto: ddp

Es geht um das Leben. Sonst nichts. Also um alles. "Und darum", setzt die hoch aufgeschossene, hager wirkende, ganz in Schwarz gekleidete Rednerin vom Pult der Paulskirche aus hinzu, "und darum", sagt Pina Bausch ohne ihre Stimme zu heben, "und darum, für das Leben eine Sprache zu finden". Im Grunde sei damit das Programm ihrer Arbeit skizziert.

Einer Arbeit, die an diesem Donnerstag eine besondere Anerkennung erfährt: An Johann Wolfgang von Goethes 259. Geburtstag erhält Pina Bausch, die Tänzerin, die Erfinderin, die Bewegende, den nach Frankfurts größtem Sohn benannten Preis. Eine Auszeichnung, die Pina Bausch selbst, der es an Prämierungen nicht gerade mangelt, ausgesprochen beglückend findet: Schließlich erhalte damit der Tanz, ihr Tanz, ungeahnte Aufmerksamkeit.

Eigentlich, berichtet die 68-Jährige, habe sie nie anderes tun wollen, habe allein "den dringen Wunsch verspürt, immer nur zu tanzen". Wohl deshalb habe sie so viele Inszenierungen auf die Wuppertaler Bühne gebracht. Gleich nach dem Studium an der Essener Folkwang-Schule. Schöne Zeit, damals, sagt Bausch, vor allem weil sich dort die Künstler gegenseitiges Interesse an der jeweils anderen Arbeit bewiesen hätten, die Ateliers offen blieben, es überall "nach Farben roch".

"In New York lernt man, dass alles nebeneinander existiert"

Eine "wichtige Zeit", die für sie mit Prüfungen für Bühnentanz und Tanzpädagogik zu Ende ging. Anschließend erhielt sie ein Engagement an der "Metropolitan Opera", drei Jahre New York, "wo man lernt, das alles nebeneinander existiert", dass dieses allerdings nur möglich sei, wenn man sich gegenseitig mit Respekt begegne.

Erst so eröffnen sich andere Dimensionen, lässt sich auch spüren, was das Echte sein könnte. Kein leichtes Unterfangen, befindet Wim Wenders, der Filmemacher, der an diesem Donnerstag die Laudatio auf die neue Trägerin des renommierten, nur alle drei Jahre verliehenen Goethe-Preises hält. Eine große Aufgabe, eine Rede für die "liebe Pina".

Er selbst, sagt Wenders, habe Bausch vor einem Vierteljahrhundert kennengelernt, damals eine erste Inszenierung gesehen, und ganz offen gestanden, erinnere er sich noch heute an diesen Augenblick der Rührung, des plötzlichen Weinens. In diesem Moment sei ihm eigentlich klar geworden - die Darbietung der Tänzer auf der Bühne, "das war nicht Theater, nicht Ballett, nicht Oper", das sei etwas völlig anderes gewesen: "Bausch ist die Erfinderin einer neuen Art", sagt Wenders.

Bewegung und Gefühl

Wenders, der Regisseur von Filmen wie "Paris, Taxis", der von sich selbst annahm, "sich mit bewegten Bildern auszukennen", bis ihn "Pina", wie Wenders die Geehrte immer wieder nennt, "bis Pina mich eines Besseren belehrte". Was in diesem Sinne wohl auch gar nicht stimme, denn "Pina" sei nunmal niemand, der andere belehren wolle. Vielleicht müsse man also besser sagen: überzeugen, möglicherweise ermuntern, aber sicherlich nicht belehren.

Bei Bausch, sagt Wenders, finde zusammen, was im englischen Sprachraum zwei Worte brauche: "motion und emotion, Bewegung und Gefühl". In diesem Sinne habe die Choreografin mit ihrem international besetzten Ballett an den Wuppertaler Bühnen "ein neues Vokabular erfunden".

Denn dort, sagt Wenders, könne man erleben, was sich sonst nicht erleben lasse. Das Echte, eben, das Leben gleichsam. Alles im Grunde. Alles, was die Unterhaltungsindustrie in den vergangenen Jahren kaputt gemacht habe, die einen doch berechtigt an der Möglichkeit zweifeln lasse, "etwas Echtes zu erleben".

In Vollendung

Mit ihrem Tanztheater, daran gibt es für Wim Wenders, den an diesem Tag eigens eingeflogenen Direktor der Filmfestspiele von Venedig, überhaupt keinen Zweifel: Mit dem Bauschen Tanztheater "wird etwas ans Licht gebracht, was den anderen Künsten bislang entglitten ist".

Und so würdigt die Jury, die über die Vergabe des Goethe-Preises wacht, vor allem, dass Pina Bausch "den Tanz zu seiner Vollendung geführt hat". In einer Sprache, wie Oberbürgermeisterin Petra Roth hinzusetzt, "die man weltweit versteht", in einer "ganz eigenen Form der Poesie", eine "humanistische Kunst" eben.

So ist das mit dem Tanz. Der Tanz, sagt schließlich die Ausgezeichnete, der Tanz versuche zu übersetzen, "was uns unbekannt ist". Zwar sei "der Tanz etwas Flüchtiges, und doch", darauf besteht Pina Bausch, "ist der Tanz auch etwas Todernstes." Vielleicht nicht gerade an einem Tag wie diesem. Am 259. Geburtstag des alten Goethe. Eigentlich habe sie noch nie zuvor gedacht, sagt Pina Bauch, dass dieser Tag für sie eine solche Bedeutung haben könnte. Jetzt, in diesem Augenblick, in dem es um das Leben geht.

Autor:  Matthias Arning
Datum:  28 | 8 | 2008
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