Über diesen Endpunkt einer Gattung gab es keine Literatur. Also haben Henry Keazor und Thorsten Wübbena das nötige Buch selbst geschrieben und bei ihren Studenten mit dem zugehörigen Seminar für Begeisterung gesorgt. Kein Wunder, denn Keazor und Wübbena sind Kunsthistoriker an der Goethe-Uni und die sterbende Gattung, derer sie sich annahmen, heißt Musikvideoclip.
Natürlich hätten sie "unendlich viele Clips angesehen", sagt Keazor, 43, der seit September an der Universität des Saarlandes lehrt. "Aber das ist nicht alles."
Ursprünglich nur dazu gedacht, mit einer kurzen Bilderfolge für Pop- und Rocksongs zu werben, hat sich das Musikvideo längst zu einer eigenen, einflussreichen Form entwickelt, die inzwischen wie vielleicht keine andere Gattung die Alltagskultur prägt: Film, Kunst, Literatur und Werbung stehen unter dem Eindruck von Ästhetik, technischen Verfahren, Bildwelten und Erzählstrategien der Videoclips. Keazor und Wübbena gelten als ausgewiesene Experten auf diesem Feld, wohl auch deshalb konnten sie sich nun auf zahlreiche Zusagen namhafter Wissenschaftler für eine internationale Tagung zum Thema an der Frankfurter Goethe-Universität freuen.
Für ihr umfassendes Kompendium unter dem in Anlehnung an das allererste Musikvideo durchaus provozierenden Titel "Video thrills the Radio Star" haben Keazor und Wübbena die Geschichte und Ästhetik der Gattung untersucht - und das eben nicht, indem sie nur unzählige Videos ansahen. "Das reicht nicht aus, man muss das zugehörige Album anhören, das Konzept und die Texte verstehen, die Vorgeschichte des Künstlers recherchieren und die Referenzen aus Kino oder Werbung ansehen", erklärt Keazor. Sicherlich also nicht ganz so schön wie viele Studenten sich das vorstellten. Wie auch im Ergebnis: Es ist wesentlich die Beschreibung einer Krisensituation. Seit die Budgets der Plattenfirmen wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten kleiner werden und das Musikfernsehen sich zunehmend darauf verlegt hat, beinahe pausenlos Shows und Werbung für Handy-Klingeltöne zu senden, seien Videoclips in eine "ästhetische Krise" geraten, sagt Keazor.
Millionenproduktionen wie Michael und Janet Jacksons "Scream" von 1995, mit sieben Millionen Dollar Produktionskosten bis heute das teuerste Musikvideo aller Zeiten, gebe es heute nicht mehr. Und hochkarätige Clip-Regisseure wie David Fincher, Spike Jonze und Chris Cunningham, der 1999 für Björk das weltweit beachtete Video zu "All is full of love" drehte, wanderten in Kino und Kunst ab, erklärt Keazor. "Videos werden heute fast nur noch auf Youtube angeschaut und von den Plattenfirmen auch direkt dort eingestellt, die guten Regisseure sind deshalb längst abgewandert", beschreiben die Wissenschaftler den "Braindrain" der Videokunst.
Genre verliert an Bedeutung
Erschreckend sei es, sagt Keazor, welche Clips heute die Awards von MTV und Viva abräumten - "extrem durchschnittlich und langweilig". Zwar gebe es nach wie vor auch herausragende Clips wie etwa die des Regisseurs Michel Gondry, dennoch werde das Genre an Bedeutung verlieren, glauben die Forscher der Goethe-Uni.
Über die Zukunft der Clips wollen sie bei ihrer dreitägigen Tagung unter dem Titel "Rewind, Play, Fast Forward" mit internationalen Wissenschaftlern debattieren. Und darüber, wie der Clip selbst zwar allmählich verschwindet, seine Bestandtteile aber bleiben, sei es narrativ im Kino und ästhetisch in der Kunst. Einige Videos werden sie dabei aber natürlich auch wieder anschauen.
Die Tagung zur Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Musikclips findet vom 24. bis 26. Oktober im Casino der Goethe-Uni statt. Weitere Infos gibt es im Internet unter www.muvikon08.net.

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