Darmstadt ist nicht Tübingen. Oder noch nicht. In der schwäbischen Unistadt hat ein grüner Oberbürgermeister das Sagen - und die hessischen Grünen hoffen, dass auch endlich in ihrem Bundesland, in dem die Partei schon oft Geschichte schrieb, einer der ihren Rathauschef einer echten Großstadt wird.
In der Grünen-Hochburg Darmstadt stünden die Chancen bei der OB-Wahl im nächsten Jahr nicht schlecht, sagte die Landesvorsitzende Kordula Schulz-Asche am Samstag in Rüsselsheim. Dort feierte in den noblen Opel-Villen der Landesverband sein 30-jähriges Bestehen mit einer Party. Doch vor dem Vergnügen stand die Arbeit.
Grüne und Nichtmitglieder trafen sich schon morgens zum jährlichen "Grünen Tag", der in diesem Jahr in Foren und Workshops "Kommunales" in den Mittelpunkt rückte. OB Boris Palmer dürfte mit seiner Eingangsrede Darmstadts Kandidat Jochen Partsch neidisch auf Tübinger Verhältnisse gemacht haben: "Wir können uns aussuchen, mit welcher kleinen Partei wir koalieren", sagte er unter Gelächter im gut gefüllten Saal. Die Grünen haben dort bei der jüngsten Kommunalwahl 32 Prozent eingefahren.
Der grüne Schwabe war im blauen Anzug nach Hessen gereist. Blau? Die Farbe stehe für Klimaschutz, so Palmer. Tübingen habe das Ziel, den CO2-Ausstoß bis 2010 um zehn Prozent zu senken, längst erreicht. Der OB merkte jedoch an, dass es der Magistrat seiner Stadt im Vergleich zu Hessen freilich leichter habe. Er könne "schwäbische Reflexe" nutzen. "Sparen - ganz gleich ob dahinter Euro oder CO2 steht."
Derart eingestimmt steht das Ziel der Hessen-Grünen für das Wahljahr 2011 also fest: Mehr Rathäuser erobern. Sechs Bürgermeister und einen Oberbürgermeister stellen sie bereits. Rund 50 Prozent der Hessen werden auf kommunaler Ebene von ihrer Partei mitregiert. Ob in Frankfurt (Schwarz-Grün) oder Wiesbaden (Jamaika-Koalition): "Wir als Grüne haben eine große Verantwortung in Hessen", so Schulz Asche. Und das, obwohl sie im Landtag trotz ihres Rekordergebnisses von 13,7 Prozent nicht mitregieren. Nicht nur gute Wahlergebnisse erfreuen die Landes-Grünen - auch die positive Mitgliederentwicklung: Zur Geburtstagsparty am Samstag konnten sie ihr 4200. Mitglied begrüßen. Damit liegen sie jedoch immer noch unter der Rekordzahl von 5000, die die Hessen-Grünen zum Start der rot-grünen Bundesregierung 1998 hatten. Die von ihrer Fraktion mitgetragenen Bundeswehreinsätze im Ausland hatten eine Austrittswelle nach sich gezogen.
Auf getane Arbeit folgte dann also die Party unter freiem Himmel. Ein Film mit Bildern aus 30 Jahren lief; Bundesvorsitzender Cem Özdemir überbrachte Grüße; in einer Gesprächsrunde saßen vier Landtagsmitglieder aus vier verschieden Legislaturperioden auf der Bühne, darunter Frank Schwalba-Hoth. Der hatte im August 1983 international für Schlagzeilen gesorgt, als er einem US-General Blut auf die Uniform spritzte, um gegen die Aufrüstung und die von den USA geführten Militäreinsätze zu protestieren.
Einen kabarettistischen Rückblick warf schließlich der Leiter des Frankfurter Stalburg-Theaters, Michi Herl. Fundamentalopposition oder Mitregieren? Welt verändern oder stille Teilhabe? Wie auch immer - eines sei klar: Früher sei auch nicht immer alles besser gewesen. Erst recht nicht, so Herl, "der Muff von tausend Jahren unter langen Haaren".

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