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Häusliche Gewalt: Unerkanntes Leid

Das kommunale Klinikum Kassel beteiligt sich an einem Projekt namens SIGNAL, das die Hilfe für Opfer häuslicher Gewalt verbessern soll. Von Katja Schmidt

Immer wieder wurde die Frau behandelt. Mehrfach unterzog sie sich Operationen. Doch die Unterleibsschmerzen hielten an. Dass die Patientin Opfer von Gewalt in ihrer Beziehung war, erkannte niemand. Die medizinische Hilfe nahm diese mögliche Leidensursache gar nicht in den Blick.

Solche und ähnliche Geschichten bekommt das Team im Frauenhaus Kassel immer wieder zu hören. Das Problem beschränkt sich jedoch keinesfalls auf die nordhessische Großstadt: Jede vierte Frau in Deutschland erfährt mindestens einmal im Leben Gewalt durch einen Partner oder Ex-Partner, belegt eine Studie des Bundesfamilienministeriums. Rund ein Drittel der betroffenen Frauen leben mit wiederholten Übergriffen. Und das Gesundheitssystem ist viel zu wenig darauf vorbereitet.

Häusliche Gewalt
Häusliche Gewalt

Immer mehr Fälle von häuslicher Gewalt und Stalking werden in Hessen aufgedeckt. Das Sozialministerium meldet 9535 Fälle im Jahr 2009.

Noch 2003 seien nur 5108 Fälle zur

Anzeige gebracht worden. Das Thema werde zunehmend aus der Tabuzone geholt, so das Ministerium.

In allen Bildungs- und Einkommensmilieus kommt häusliche Gewalt vor, keineswegs nur am gesellschaftlichen Rand. Nach Angaben des Sozialministerium flüchten jährlich 40 000 Frauen in Deutschland in Frauenhäuser.

Gewalt gilt als häufigste Ursache für

Verletzungen bei Frauen überhaupt - vor zum Beispiel Verkehrsunfällen. Und das Problem ist global - mit regionalen Ausprägungen. kaj

Immer mehr Fälle von häuslicher Gewalt und Stalking werden in Hessen aufgedeckt. Das Sozialministerium meldet 9535 Fälle im Jahr 2009.

Noch 2003 seien nur 5108 Fälle zur

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In allen Bildungs- und Einkommensmilieus kommt häusliche Gewalt vor, keineswegs nur am gesellschaftlichen Rand. Nach Angaben des Sozialministerium flüchten jährlich 40 000 Frauen in Deutschland in Frauenhäuser.

Gewalt gilt als häufigste Ursache für

Verletzungen bei Frauen überhaupt - vor zum Beispiel Verkehrsunfällen. Und das Problem ist global - mit regionalen Ausprägungen. kaj

In Kassel allerdings gibt es einen Lichtblick: Das kommunale Klinikum beteiligt sich an einem Projekt namens SIGNAL, das die Hilfe für Opfer häuslicher Gewalt verbessern soll. In gut drei Jahren wurden rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter - vor allem Pflegekräfte, in geringerem Umfang auch Ärzte - für das Thema geschult, sagt Koordinatorin Anja Gerhard-Mehl. Im Frühjahr soll eine neue Qualifizierungsrunde starten.

In den Schulungen geht es um Praxis und Basiswissen: Die Beschäftigten lernen, dass Akademikerinnen genauso von häuslicher Gewalt betroffen sein können wie Frauen aus sozialen Randgruppen. Sie üben in Rollenspielen, das heikle Thema bei jeder Patientin anzusprechen, die mit Verletzungen eintrifft.

Das Gesprächsangebot ist wichtig - aber es soll nicht diskriminieren. "Wir erleben häufig, dass Verletzungen von anderen Personen verursacht wurden. Wir haben uns deshalb angewöhnt, jede Patientin zu fragen", sind die einleitenden Sätze, die trainiert werden, erklärt Gerhard-Mehl. Dann folge die konkrete Frage an die Patientin, ob es "sein kann", dass auch sie von einer anderen Person verletzt wurde - und dann die Frage, ob es der Partner war.

Doch damit ist es längst nicht getan, betont Gerhard-Mehl. "Häufig kommen die Frauen in Begleitung ihrer Partner", berichtet sie. Auch auf diese Situation werden die Pflegekräfte vorbereitet. Sie üben, wie sie trotzdem allein mit der Patienten sprechen können. Sie lernen aber auch, dass die Betroffene die Kontrolle über ihre eigene Situation behalten muss. "Wir wissen, dass Frauen, die aktiv werden, besonders gefährdet sind", sagt die Pflegewirtin. Die Betroffene entscheide, ob sie sich gegen ihren Peiniger wehren will oder nicht.

Das gilt auch für Beweise: Das Klinikum bietet an, Verletzungen gerichtsverwertbar zu dokumentieren. Das Material wird hinterlegt. Will die Frau es nicht verwenden, passiert gar nichts.

Das Frauenhaus-Team ist froh über solches Know-how. Die Verstrickungen der Opfer erleben sie tagtäglich. "Man muss die Dynamik von Gewalt verstehen - auch die Abhängigkeit", sagt eine der Mitarbeiterinnen. Aus Schutzgründen veröffentlichen sie nicht gern ihre Namen. Für die Betroffenen sei die Gewaltbeziehung zugleich Liebesbeziehung - und oft würden sie vom Partner stark kontrolliert. Zu forsche Vorschläge, Anzeige zu erstatten, führten schnell zum Rückzug. Ähnlich wie am Klinikum sollten sich auch weitere Kliniken und mehr niedergelassene Ärzte für die bessere Versorgung der Gewaltopfer engagieren, wünscht sich das Frauenhaus. Allerdings stehe die gesundheitspolitische Entwicklung dem eher entgegen. Die Arbeit brauche Zeit: "Im getakteten Klinikalltag ist es schwer, dem gerecht zu werden."

Adäquate Hilfe scheitere aber auch an anderen Hürden: "Wir erleben immer mehr Frauen, die genau überlegen, wann sie zum Arzt gehen - weil es immer Geld kostet", sagt eine Mitarbeiterin des Frauenhauses. Sie begegne Frauen, die nach einer Operation verschriebene Medikamente nicht nehmen, weil sie sich die Zuzahlung nicht leisten können. Und Frauen, die wegen der Praxisgebühr vor dem Notaufnahme-Besuch zurückschrecken.

Autor:  Katja Schmidt
Datum:  31 | 3 | 2010
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