Die Spuren am Tatort sind eindeutig: lange Ohren, Puschelschwanz – das Opfer ist ein Hase. Hase tot, nächstes Tier. „Bekomme ich jetzt einen Hund?“, steht neben den Kreideumrissen im Kinderzimmer. Ein Tatort als Postkartenmotiv. Entworfen von Studenten der Hochschule Rhein-Main in Wiesbaden für eine Kampagne zum Schutz von Kleintieren.
Die Landestierschutzbeauftragte Madeleine Martin suchte nach künstlerischen Ansätzen, um auf die artgerechte Haltung von Kaninchen, Hamstern, Meerschweinchen oder Mäusen aufmerksam zu machen. Ihre Anzahl stelle Hessens Tierheime vor „unglaubliche Probleme“. Die Wiesbadener Aufnahmestelle beherbergt dreimal so viele Kleintiere wie 2007. „Das Problem potenziert sich, weil die Vermehrungsrate enorm ist“, erklärt Christina Riedel, stellvertretende Leiterin des Heims.
An der Hochschule fand Martin Kommunikationsdesigner und geübte Tierhalter. „Die Thematik sitzt nah an der Erfahrung der Studenten“, sagt Gregor Krisztian, der 15 angehende Designer bei ihrer sechswöchigen Semesterarbeit betreute.
Der Professor hütete 14 Jahre lang mehrere Generationen von Meerschweinchen. Erst mit, dann für seine Kinder. „Sie entwachsen irgendwann dem Alter“, weiß er aus langer Erfahrung. Auch Hamster Willy hätte ein erfülltes Leben haben können. Unter Tränen haben ihn seine kleinen Besitzer in einer selbst gebastelten Kiste begraben. Ein Bild des Jammers, das Lars Chaberny dem Betrachter seiner „Hamstersärge“ vor Augen führt.
In der Natur hätte Willy neun Kilometer lange Gänge gegraben und den Tag darin verschlafen – solche „erstaunlichen Fakten“ würden Eileen Eichborn und Hannah Meinhardt unübersehbar groß auf Hauswänden oder in Bahnhofshallen aussprechen. Wissen über die Bedürfnisse von Kleintieren, das Eltern beim Kauf oft ausblenden.
Meistens passiert es im Baumarkt. „Baumärkte sind das Hauptproblem“, sagt Mike Ruckelshaus vom Bund gegen Missbrauch der Tiere. „Das Kind quengelt, und dann wird im Vorbeigehen ein Meerschweinchen wie ein Schraubenzieher mitgenommen.“
Tiere kaufen – so einfach wie am Automaten. Auf dem Bahnsteig neben dem Selbstbedienungsapparat mit Schokoriegeln und Kaugummi könnte ein zweiter voller Wellensittiche, Kaninchen, Hamster und Ratten stehen. Diese Idee stammt von Thien-Kim Banh. Den Vorschlag der Studentin und drei weitere Arbeiten hat Martin für die Kampagne des Umweltministeriums angekauft. Nahverkehrsunternehmen können sich als Kooperationspartner zur Verfügung stellen. In Schulen soll die Automaten-Attrappe gleich neben dem Gerät mit den Pausensnacks stehen. „Tiere zu kaufen ist einfach. Sie zu halten nicht“, lautet die Botschaft.
Nach drei bis vier Wochen ist der Spaß mit dem nachtaktiven Nager vorbei. Tierheim-Mitarbeiter können den Tag fast schon im Kalender vormerken. Nach Weihnachten kommt der erste Ansturm. Willy landet im Tierheim, in der Ecke oder in der Tonne. Ein von Stephan Greb kreierter Aufkleber für Mülleimer zeigt, was alles drin liegt. Die Bildsprache sei so drastisch wie die Realität. „Tiere, die leichtfertig gekauft werden, werden auch schnell wieder entsorgt“, warnt der Student. Der 23-Jährige besaß als Junge selbst ein Kaninchen. „Das ist relativ alt geworden“, versichert er.
Tiere besitzen keine Tiere – und nur der Mensch sperre sie in Käfige, sagen Adela Maria Flore und Maria Dumont Conesa. Das ebenfalls für die Präventionskampagne ausgewählte Postkartenmotiv der Spanierinnen zeigt einen Himmel. Ohne Grenzen.

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