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02. Februar 2011

Hattersheim-Okriftel: Hass auf Stolpersteine

 Von Barbara Helfrich
Diese drei Steine erinnern an die Familie Schwarz.  Foto: Michael Schick

In Hattersheim-Okriftel erinnern drei Gedenksteine an deportierte Juden. Doch der Heimatgeschichtler Hermann Lixenfeld, dessen Schwiegereltern 1939 das Haus aus jüdischem Besitz ersteigerten, bekämpft die Steine.

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Hermann Lixenfeld sieht seine Schwiegereltern als Opfer. Es sei „eine Ungerechtigkeit“, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg eine Entschädigung zahlen mussten, weil sie in der Nazi-Zeit ein Gebäude aus jüdischem Besitz ersteigert hatten. Jetzt erinnern vor dem Haus in Hattersheim-Okriftel, das inzwischen Lixenfelds Kindern gehört, drei Stolpersteine an die vertriebenen Vorbesitzer, die Familie Schwarz.

Das will Hermann Lixenfeld nicht dulden. Schon vor der Installation der Stolpersteine stachelte er auch andere Hauseigentümer an, ebenfalls bei der Stadt Einspruch gegen die Gedenk-Aktion vor ihren Türen zu erheben, legte ihnen Protest-Schreiben zur Unterschrift vor.

Hermann Lixenfeld, Jahrgang 1935, gehört zu den namhaften Heimatgeschichtlern im Main-Taunus-Kreis. Seine historischen Artikel erscheinen in fast jedem Jahrbuch, das der Kreisausschuss herausgibt. Den Beitrag für die nächste Ausgabe habe er schon geschrieben und abgegeben, sagt Lixenfeld. Thema: Die Geschichte der Juden in seinem Wohnort Flörsheim-Weilbach.

Wenn er die Geschichte der jüdischen Familie Schwarz erzählt, deren Haus in Okriftel seine Schwiegereltern übernahmen, hört sich das so an: Anders als die Frankfurter Historikerin Anna Schmidt schreibt, die im Auftrag der Stadt Hattersheim die NS-Geschichte erforscht hat, sei die Wohnungseinrichtung in der Pogromnacht nicht „vollständig demoliert“ worden. „Nur die Bettdecken wurden auf die Straße geworfen und aufgeschlitzt“, relativiert Lixenfeld. Zwar hätten „HJ-Buben“ Steine gegen die Fenster geworfen, „aber weil die Läden zu waren, ist nichts passiert.“ Nach der Pogromnacht sei das Ehepaar Schwarz „freiwillig“ zu seiner erwachsenen Tochter nach Frankfurt gezogen, behauptet der Hobby-Heimatforscher.

Johanna Schwarz und ihre Tochter Selma wurden von Frankfurt nach Minsk deportiert. Dort verliert sich ihre Spur. Adolf Schwarz nahm sich bald nach der Pogromnacht das Leben. „Diesem Herrn Schwarz gehört kein Denkmal. Er war ein Betrüger“, wettert Lixenfeld und erzählt von einem Kredit, den Adolf Schwarz schon 1909 aufgenommen und nicht zurückgezahlt habe. Die Zwangsversteigerung des Hauses habe schon in den 20er Jahren angestanden. Dass sie erst 1939 vollzogen wurde, habe seine Schwiegereltern erst „in die Restitutionsmühle gebracht“, behauptet er.

Als der Künstler Günter Demnig im vergangenen November, am Jahrestag des Pogroms, die Gedenksteine im Bürgersteig einließ, hängten die Lixenfelds einen Zettel ans Hoftor: „Damals gelbe Sterne, heute gelbe Steine. Heute wie damals erzwungen“. Dieser Brückenschlag zwischen Juden-Verfolgung und Stolperstein-Verlegung „hat mir die Sprache verschlagen“, sagt dazu die Historikerin Anna Schmidt.

Den von Lixenfeld vorgefertigten Widerspruchstext hatten laut Stadt die Eigentümer von drei weiteren Häusern unterschrieben. Nach Gesprächen mit der Kommune und der von ihr betrauten Historikerin hätten jedoch alle eingelenkt und die Steine akzeptiert, berichtet Rathaus-Sprecherin Ulrike Milas-Quirin.

Hermann Lixenfeld hingegen hat kürzlich einen zweieinhalbseitigen offenen Brief verfasst, in dem er sich für eine zentrale Gedenkstätte stark macht, sowohl für „NS-Verfolgte als auch gefallene Soldaten und Bombenopfer“. Der Stadt wirft er „diktatorische Vorgehensweisen“ vor, unter anderem, weil der damalige Bürgermeister Hans Franssen (SPD) im März 2010 öffentlich zugesagt habe, Stolpersteine nicht gegen den Willen der Hausbesitzer zu verlegen. Später sei Franssen davon abgerückt. Entscheidend sei allein der Beschluss des Stadtparlaments, entgegnet Rathaus-Sprecherin Milas-Quirin. Darin ist kein Vetorecht betroffener Immobilienbesitzer verankert. Die Erinnerung an die Opfer von der Zustimmung heutiger Eigentümer abhängig zu machen, verbiete sich, sagt sie: „Man würde ihnen noch einmal Unrecht tun.“

Und wie verträgt sich Lixenfelds Kampf gegen die Stolpersteine mit einer weiteren Veröffentlichung seiner Abhandlungen im Jahrbuch des Kreises? Das Landratsamt sieht keinen Grund, ihn von der Autorenliste zu streichen. Die Diskussion um die Stolpersteine sei eine Angelegenheit zwischen Lixenfeld, der Stadt und der Arbeitsgruppe, die sich in Hattersheim mit dem Opfergedenken befasst, teilte der Kreis der Frankfurter Rundschau mit.

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