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Hauptwache / Eschenheimer Tor: Ein Rundumblick

Freigestellt, aber in den Boden gesackt: die Katharinenkirche.
Freigestellt, aber in den Boden gesackt: die Katharinenkirche.

Das hier ist die Hauptwache?!" fragt in der Abenddämmerung entgeistert ein Mann, der sich eben an der Poller-Barriere, welche an der gleißend erleuchteten "Sportarena" die uralte Katharinenpforte markiert, aus einem Auto absetzen ließ.

Da steht der Mann also und versucht mit nach rückwärts ausgestrecktem Arm, einen Ärmel seines wollenen Mantels zu angeln. Und wäre er nicht so ein ahnungsloser Frankfurt-Gast, dann könnte er von diesem Fleck an der Katharinenkirche nicht nur das Herz, sondern mit dem Eschenheimer Turm auch das Rückgrat der Stadt ausmachen, allerdings nur schemenhaft und nicht gleißend.

Beides, der einstige Posten der Stadtgarde und das ehemalige Stadttor, kommen beim Rundumblick seit ein paar Monaten Freiheit vom Auto nämlich zusammen ins Bild. Und als dritte im historischen Bunde hockt die Katharinenkirche dabei - wie eine aufgeplusterte Henne, die ihre Füße unterm Gefieder weggeknickt hat.

Denn durch Jahrzehnte des Stadtumbaus, die mutmaßlich mit der Errichtung des unterirdischen Hauptwache-Bahnhofs abgeschlossen waren, hat die Stadt die barocke Taufkirche Goethes in ein Loch sacken lassen. Die Basis ruht im Straßenpflaster.

Nachdem seit ein paar Monaten die Hauptwache gesperrt und zu einem Platz zusammengefügt ist, wächst aber der Wunsch nach Befreiung überall: "Es wird Zeit, dass die wieder ihren Sockel bekommt", meint jedenfalls Kersten Droß, ein junger Steinmetz, der in diesen Tagen mit dem Meißel haufenweise brüchigen Sandstein vom Kirchen-Portal klopft. Auch das jahrzehntelang in Abgas eingenebelte Gotteshaus ist ein Sanierungsfall und mit den Meißelschlägen von Kersten Droß werden auch da andere Saiten aufgezogen. "Schade, dass die nicht mehr für den Platz tun", meint der Handwerker, während er mal kurz die Augen von dem maroden Sandstein auf die Umgebung wendet.

Kirche-Bratwurststand-Sparkassenfiliale-Schuhhaus Hako-Traffiq-Pavillon-Bauzaun, so baut sich des Platzes Rund vor dem Betrachter auf. Und dann kommt das Loch. "Das Loch ist eine Katastrophe", meint ein Passant, der sich in die Stadtbild-Erörterung einmischt. "Wer sagt hier eigentlich, was bleibt und was kommt?" will er einmal geklärt haben. Das Loch, der Treppen-Trichter zur U-Bahn jedenfalls wird bald zugemacht, bleibt also nicht.

Wer sagt hier eigentlich, was bleibt und was kommt? Was früher ein Saft-Stand war, auf dem Weg durch die Große Eschenheimer Straße zum Eschenheimer Turm, firmiert nun als "Cupping Station". Wenn auch der junge Mann, der dort Kaffee in Becher gießt, "nicht so genau" weiß, was das heißt. Nebenan , wo jahrelang stapelweise Bäcker Heberers Brote und süße Stückchen auslagen, steht jetzt "Espressamente" außen dran. Und dem Kaufhof sitzt mit einem Mal ein leeres, niegelnagelneues, aufgeputztes "Palais" im Nacken, respektive im Rücken: die zusammengestauchte Nachbildung der barocken Thurn- und Taxis-Residenz, von der seit dem Krieg nur noch die Eingangsportale zeugten. "Wird das auch was für normal Sterbliche?" fragt der Passant, und nimmt Maß an den aluminiumbleichen, scheinbar schwankenden Hochhäusern dahinter. Die nämlich, meint er, "sind mir schleierhaft".

"Ein Ku-Damm für Arme"

Viele tausend Quadratmeter bis dato ungenutzter Räume: Die umgebaute und vom Durchgangsverkehr abgeschnittene Große Eschenheimer Straße wirkt wie ausgeleert. Die riesige Tiefgarage unter dem "Palais Quartier" weist am hellen Vormittag genau 791 freie Plätze aus. Tür zu oder Tür auf - nur in den eher schäbigen Klinkerbauten aus den Nachkriegsjahrzehnten hat sich durch die lange Durststrecke der millionenteuren Bauarbeiten eine Vielfalt des Angebots erhalten. Je schäbiger, je lebendiger, oder: je oller, je doller. Darauf lässt Lorey, seit 1796 mit Haushaltswaren am Platz, am Sockel unter dem gelblich-ältlichen Klinker in Rot und Gold eine große Schleife glänzen.

Am "Eschenheimer Tor", wo Frankfurt mal zuende war, hat die Stadt erst recht "so was Zusammengewürfeltes", wie Passanten analysieren. Einer meint sogar "eine Art Ku-Damm für Arme" vor sich zu sehen. Die Narbe, die der Abbruch des Rundschauhauses geschlagen hat, haben die neuen Eigentümer mit einer haushohen, blinkenden Coca Cola-Reklame zugepflastert. "Direkt was Kultiges" hat die ganze Ecke für manche Betrachter, besonders der Turmpalast mit seinen leuchtenden Buchstaben. Noch läuft das Turm-Kino "on seven screens", aber die Buchhändlerinnen im Buchladen nebenan wissen schon, "dass das Kino demnächst schließt". Ein Glück, "es ist ja ein anderes Gebäude", nicht ihrs.

Die Karten an der Großen Eschenheimer sind ganz neu gemischt. Wer sich am Turm über die erste Autoschneise nach Norden vorarbeitet, erkennt im Winterdämmer, wie das aus ungezählten Lämpchen strahlende Fleming´s Hotel den Platz beherrscht. Und möchte den Gerüchten glauben, von dieser hohen Warte aus sei der Versuch ausgegangen, unten die Imbissbude "Hamburger am Turm" wegzukegeln. Doch "die einzige Futterstelle nachts auf dem Weg ins Nordend", wie Gäste die Braterei preisen, hat nach Protesten Bestand, das hat Inhaberin Christina Diesy "Oberbürgermeisterin Petra Roth persönlich geschrieben". "Neues Jahr, neue Ideen", denkt sich die Geschäftsfrau. Und wartet; sie "würde ja gern renovieren". Nur ihre Vermieterin, die Brauerei, "hat sich noch nicht gemeldet".

Autor:  Claudia Michels
Datum:  2 | 1 | 2010
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