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Heimkinder in Hessen: "Kriege den Hass nicht aus dem Kopf"

Verdrängte Taten: Auch in Hessen wurden Heimkinder in den 50er und 60er Jahren gedemütigt und misshandelt. Die Opfer tragen noch heute schwer daran. Zwei Betroffene brechen das Schweigen. Von Joachim F. Tornau

Benutzt und weggeworfen, so ähnlich fühlen sich bis heute viele Opfer der Menschenrechtsverletzungen, die jahrelang in staatlichen und kirchlichen Einrichtungen  in Hessen gang und gäbe waren.
Benutzt und weggeworfen, so ähnlich fühlen sich bis heute viele Opfer der Menschenrechtsverletzungen, die jahrelang in staatlichen und kirchlichen Einrichtungen in Hessen gang und gäbe waren.
Foto: Müller/FR

Wolfgang Schnickmann kann nicht vergessen. Auch das Schild nicht: "Hier", stand darauf zu lesen, "werden Löwen und Tiger gebändigt - auch du gehörst dazu." Neun Jahre lang bestimmte seinen Alltag, was diese Worte androhten: Wer nicht spurt, wird bestraft. Ein eigener Wille ist vor allem dazu da, gebrochen zu werden. Mit allen Mitteln, ohne Rücksicht auf die Zerbrechlichkeit von Kinderseelen und Kinderkörpern.

Am Anfang war der kleine Wolfgang sieben Jahre alt, am Ende ein Jugendlicher von 16 Jahren. Von 1955 bis 1964 lebte Schnickmann in einem Erziehungsheim, das ihm weder ein Zuhause war, noch Kindheitsglück bot, und obendrein den Namen "Heimatfreude" trug. "Ich sage immer: Das waren die verkappten alten Nazis, die ihre Wut an uns ausgelassen haben", sagt der 61-Jährige, wenn er sich an die langen Jahre erinnert, die er in der Außenstelle des Diakoniezentrums Hephata im nordhessischen Treysa, heute Schwalmstadt, verbringen musste. "Wir sind missbraucht worden für alle Schweinereien, die es gab."

"Unrechtsschicksal"

Zur Entschädigung für die vielen Opfer von Zwangsarbeit und Misshandlungen in westdeutschen Erziehungsheimen in den 1950er und 1960er Jahre hat der "Verein ehemaliger Heimkinder" (VEH) die Einrichtung eines Fonds von mindestens 25 Milliarden Euro gefordert.

Der Bundestag berief einen Runden Tisch ein, der seit Februar 2009 tagt und die Menschenrechtsverletzungen in den rund 3000 kirchlichen wie staatlichen Heimen der frühen Bundesrepublik aufklären soll.

In Hessen plant der Landtag für den 29. Oktober eine öffentliche Anhörung zum Unrechtsschicksal der Heimkinder in hessischen Einrichtungen. Betroffene können sich unter den Telefonnummern 0611/350334 und -335 oder per Mail an j.schlaf@ltg.hessen.de oder a.wiekhorst@ltg.hessen.de melden. Die strikte Vertraulichkeit wird zugesichert. (jft)

Von Prügel, Demütigungen und Vergewaltigungen erzählt Schnickmann. Von Erbrochenem, das aufgegessen werden musste. Von stundenlangem Strammstehen und Marschieren. Von schwerer Feldarbeit, ohne Bezahlung natürlich und anstatt des Schulbesuchs. "Wir waren manchmal auch so grün und blau geschlagen, dass wir gar nicht mehr zur Schule hätten gehen können." Denn sonst wären die Misshandlungen ja vielleicht jemandem aufgefallen.

Warum er überhaupt in dem Heim für "schwer erziehbare Kinder" gelandet ist, weiß Schnickmann bis heute nicht. Elternlos war er, das schon: Seine Mutter - "meine liebe Austrägerin", wie der 61-Jährige sarkastisch sagt - hatte ihn zwei Tage nach der Geburt im Stich gelassen. Die "Erziehung", die ihm Hephata angedeihen ließ, aber wirkte nachhaltig. Von einem Faustschlag, den er damals ins Gesicht bekam, ist er auf dem linken Auge fast blind. Mehr als ein Job bei der Müllabfuhr in Wuppertal war für ihn danach nicht drin. Bis 1992 hat er dort gearbeitet, ehe er mit gerade einmal 44 Jahren zum Frührentner wurde. Er ist schwerbehindert, körperlich und nervlich erkrankt. Und er ist sich sicher: "Das sind die Nachwirkungen von den Schweinereien."

Wie Schnickmann haben Hunderttausende Kinder und Jugendliche in der frühen Bundesrepublik in "Heilerziehungsanstalten", "Knabenheimen" oder "Verwahranstalten für gefallene Mädchen" leben müssen. Welchen, beschönigend ausgedrückt, Erziehungsmethoden sie dabei noch bis zum Beginn der 1970er Jahre ausgesetzt waren, kam erst vor wenigen Jahren ans Licht: Das 2006 erschienene Buch "Schläge im Namen des Herrn" des Spiegel-Journalisten Peter Wensierski belegte die systematischen Misshandlungen und löste eine große öffentliche Debatte aus. Kirchen und staatliche Heimträger wie der hessische Landeswohlfahrtsverband gaben zerknirschte Entschuldigungen ab. Wirklich aufgearbeitet aber ist das Unrecht noch lange nicht.

Auch in Hephata nicht. "Wir sind überzeugt davon, dass Kinder und Jugendliche auch bei uns schlechte Erfahrungen gemacht haben", sagt Reinhart Darmstadt, der sich heute als stellvertretender Leiter um die Jugendhilfe in dem Diakoniezentrum kümmert. Doch in den Archiven der Einrichtung fänden sich allenfalls die Namen der früheren Insassen, nicht ihre individuellen Geschichten. "Und mit den damaligen Betreuern - wenn sie denn überhaupt noch leben - ist es sehr schwer, ins Gespräch zu kommen." Einen Aufruf an ehemalige Heimkinder, sich zu melden und zu erzählen, hat Hephata trotzdem bislang nicht gestartet.

Wohl aber der hessische Landtag. Mehr als drei Jahre nach dem Bekanntwerden der einst alltäglichen Menschenrechtsverletzungen bei der Heimerziehung wollen sich die Parlamentarier nun "ein besseres Bild der Situation in den hessischen Einrichtungen" machen, wie Landtagspräsident Norbert Kartmann (CDU) mitteilte. Opfer wie Täter werden deshalb um ihre Berichte gebeten. Als Ansporn zu dieser späten Auseinandersetzung dürften sicher auch die Entschädigungsforderungen gewirkt haben, die ehemalige Heimkinder erhoben haben - und die bis dato auf wenig Gegenliebe bei den Adressaten in Staat und Kirchen gestoßen sind. Dabei geht es um mehr als nur um Wiedergutmachung: Vielen Opfern der brachialen Nachkriegspädagogik droht ohne Entschädigung ein Altern in Armut.

"Dann könnte man sich vielleicht auch mal etwas erlauben", macht sich Klaus Peter Bouten bescheidene Hoffnung. Der 60-Jährige aus Peine in Niedersachsen ist Frührentner wie Wolfgang Schnickmann. Und wie Schnickmann war er in Hephata, drei Jahre lang, von 1963 bis 1966. Gerade einmal 228 Euro Rente bekommt er derzeit jeden Monat überwiesen. Fürs nackte Überleben gibt es zusätzlich ein bisschen Sozialhilfe. Gemessen an dem, was er vorher und nachher in anderen Heimen erlebt habe, sagt Bouten, sei es ihm in Nordhessen eigentlich ganz gut gegangen. Und erzählt dann doch von Erniedrigungen, von soldatischem Drill, von der Glatze, die ihm nach einem Fluchtversuch geschoren wurde, von den geistig behinderten Insassen, deren Exkremente er wegputzen musste.

Mit acht Jahren, 1957, war er seiner Mutter als "verwildert" entzogen und für den Rest seiner Kindheit und Jugend ins Heim gesteckt worden. Als "unverbesserlich" wurde er am Ende entlassen - und hatte seine Lektion gelernt: "Als wir rauskamen, wollten wir uns an der ganzen Welt rächen", erinnert sich Bouten. "Man hat Druck gekriegt und gibt den später weiter an andere." Immer wieder prügelte er sich, bis er schließlich sogar für vier Jahre im Gefängnis landete. Im bürgerlichen Leben wirklich Fuß zu fassen, gelang ihm nie. Als Kellner und Kneipier schlug er sich durch, als Staubsaugervertreter und Schrotthändler.

Den Hass auf die, die ihm das angetan haben, trägt Klaus Peter Bouten noch heute mit sich herum: "Das hat man im Kopf drin, das kriegt man nicht wieder raus."

Autor:  Joachim F. Tornau
Datum:  18 | 8 | 2009
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