Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

15. Mai 2010

Heimleiter Heinz Rauber: "Kommunalpolitik muss Neubauten regeln"

Die Angst, ein Pflegefall zu werden, wird von Nachrichten über schlechte Betreuung geschürt. Foto: Sascha Rheker

Der Heimleiter Heinz Rauber sagt im FR-Interview, dass ein Leben "mit Alterpflegergehalt im Raum Frankfurt" nicht attraktiv ist, dass die Politik gefordert ist und in seiner Einrichtung freie Wochenenden eingehalten werden.

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Zur Person

Heinz Rauber, (56), ist Diplomsozialpädagoge. Er leitet das Henry- und Emma-Budge-Heim seit sechs Jahren.

Dem Vorstand des Frankfurter Forums für Altenpflege, dem Netzwerk der stationären Altenpflege, gehört Heinz Rauber ebenfalls seit Jahren an.

Casa Reha, die in Oberursel ansässige Gruppe, betreibt bundesweit 52 Altenpflegeheime. Das Haus An Den Niddaauen am Frankfurter Berg öffnete 2006 für 127 Bewohner, es geriet wegen Missständen in die Kritik der Heimaufsicht und wird streng kontrolliert. (ssl)

Herr Rauber, die Missstände im Casa Reha Pflegeheim haben viele betroffen gemacht. Ist zu befürchten, dass es in anderen Frankfurter Heimen ähnlich zugeht?

Es gibt natürlich Risikofaktoren, die auch in anderen Häusern ein-treten können, zum Beispiel die mangelnde Fähigkeit, genügend Personal zu gewinnen. Das ist für das Casa Reha korrekt beschrieben worden.

Heinz Rauber ist Diplomsozialpädagoge.
Heinz Rauber ist Diplomsozialpädagoge.
Foto: Rolf Oeser

Was macht es so schwer?

Dass so wenig Menschen in den vergangenen Jahren den Beruf in der Altenpflege ergriffen haben. Hinzukommt natürlich, dass das Leben mit einem Altenpflegergehalt im Ballungsraum Frankfurt nicht so sehr attraktiv ist.

Was müsste passieren?

Man denkt immer, dass es hinreichend ist, wenn über Verbesserungen bei Lohn und Gehalt nachgedacht wird.

Ein anderer Aspekt ist sicher auch ein Burnout-Syndrom bei vielen Pflegekräften, die an der Arbeit, so wie sie sich im Moment darstellt, scheitern.

Das ist richtig, da würde ich nicht widersprechen. Es liegt sehr viel daran, ob Einrichtungen es verstehen, dass keine Überstunden, keine ständigen Wochenenddienste und keine geteilten Dienste zu leisten sind. In der Budge-Stiftung achten wir streng darauf, dass freie Wochenenden und Urlaubszeiten eingehalten werden. Das findet nicht überall statt und erhöht das Risiko.

Wenn ich höre, dass ich im Alter vielleicht Windeln tragen muss, weil nicht genug Personal da ist, um mich zur Toilette zu bringen, graut es mir vor dem Altwerden. Wie kann man entgegenwirken?

Wir haben alle Möglichkeiten des Pflegeweiterentwicklungsgesetzes genutzt. Neben den Pflegetätigkeiten sind Alltagsbegleiter vorhanden, um das zu gewährleisten, was Sie gerade angesprochen haben, also Getränke zu reichen, mal einen Spaziergang zu machen, Zeit zu haben, auf die Toilette zu begleiten. Das ist der eine Schritt und der zweite ist es, Ehrenamtliche zu gewinnen, um ein zusätzliches Angebot machen zu können. Wir können über die Bereitschaft von 40 Erwachsenen verfügen, die sich bereit erklärt haben, in die Alltagsarbeit unterstützend einzugreifen.

Haben andere Heime auch so viel Glück?

Das ist sehr unterschiedlich. Es heißt auch, sich den kritischen Blick der Außenstehenden ins Haus zu holen. Die Ehrenamtler kommen und verbünden sich in der Regel mit den Bewohnern und tragen dann deren Wünsche dem Personal oder der Geschäftsleitung vor. Es setzt die Bereitschaft voraus, sich damit qualifiziert auseinanderzusetzen.

In Frankfurt gibt es seit Jahren das Programm Würde im Alter und das Netzwerk der Heimleitungen, dem Casa Reha sogar zeitweise angehörte. Was fordert denn das Netzwerk, damit solche schlimmen Zustände wie im Casa Reha Einzelfälle bleiben?

Ganz wichtig wäre, dass die Kommunalpolitik im Interesse der älteren Menschen definiert, nur dann einen Neubau zuzulassen, wenn der Träger schon bei Baubeginn klarmacht, wie er bei dem engen Personalmarkt die Fachlichkeit sicherstellen will. Wenn er das nicht kann, sollte er darauf verzichten zu bauen. Das einzige, was ich Casa Reha vorwerfen kann, weil ich die Prüfungsberichte des MDK nicht kenne, ist, dass sie zu schnell wachsen, zu schnell groß geworden sind und zu sehr auf die Investitionsseite schauen und weniger auf die Betreiberseite.

Hat die Stadt denn eine Handhabe? Die Investoren sind doch, wenn sie die Grundstücke haben, frei.

Das ist zwar richtig, aber es gibt schon Kommunen wie Offenbach, die sind da mutiger. Man muss nicht freie Grundstücke diesem Markt anbieten. Es gibt in Frankfurt sowieso schon eine Überversorgung stationärer Plätze. Das verbaut den Blick auf positive Veränderungen bei den ambulanten Strukturen. Wenn man das Bundesgesetz ernst nimmt, muss man den Markt der stationären Einrichtungen zurückdrängen, sonst sind die Wege verbaut, nach neuen kreativen Methoden im ambulanten Bereich zu suchen. Dort brauchen wir auch verstärkt Alltagsbegleiter. Und wir brauchen Werbung für den Beruf.

Wie viele Pflegekräfte fehlen denn in Frankfurt?

In der vergangenen Woche waren 245 offene Stellen gemeldet im ambulanten und stationären Bereich, aber nur 40 Kräfte standen zur Verfügung. Das zeigt, wie groß der Spagat ist.

Wie viele Altenpfleger werden in Frankfurt ausgebildet?

100 im Jahr. Wenn sie ein Heim mit 160 Plätzen aufmachen, brauchen sie 60 Pflegekräfte. Wenn also zwei Häuser in dieser Größenordnung in einem Jahr eröffnen, ist das vom Arbeitsmarkt nicht zu bedienen. Ein verantwortungsbewusster Investor und Betreiber müsste den Arbeitsmarkt sondiert haben und nicht nur den Invest für die Immobilie.

Interview: Susanne Schmidt-Lüer

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