Dass diese Angelegenheit eine einfache würde, das hat die Apothekerin wirklich nicht erwartet. "Wo soll ich denn hin?", fragt die zierlich Frau: "Ich habe Angst um meine Existenz." Schließlich bleibe in diesem Teil der Heinrich-Lübke-Siedlung, in dem sie gegenwärtig ihr Geschäft betreibt, kein Stein auf dem anderen. Zumindest entstehe dieser Eindruck, wenn man an diesem Dienstag abend im Bürgerhaus in der Nordweststadt den Ausführungen Frank Junkers zu der ganzen Angelegenheit folge.
Frank Junker ist ein Mann, der sich an diesem Abend vor allem eines vorgenommen hat: Er will Zuversicht verbreiten, den Anwohnern der aus den 60er Jahren stammenden Siedlung an der Ludwig-Landmann-Straße Mut machen. Schließlich komme es auf sie entscheidend an. Junker, der Geschäftsführer der städtischen Wohnungsgesellschaft ABG Holding, will, dass die Anwohner mitmachen, wenn das Viertel nach Gesichtspunkten der Energieeffizienz umgebaut wird. Wobei Umbau die Sache eigentlich gar nicht richtig treffe, betont Junker. Seine Gesellschaft hätte es sich einfach machen können. Macht sie aber nicht: "Wir wollen dieses Projekt gemeinsam mit Ihnen angehen", beteuert Junker immer wieder.
Ganz behutsam verändere man die Fassaden der in die Jahre gekommenen Mehrfamilienhäuser, schneide allenfalls Teile heraus, um die Fenster zu vergrößern, erweitere die Balkone und packe die Mülltonnen künftig in unmittelbare Nähe der dann wesentlich vergrößerten Eingänge.
Wirklich an die Substanz, das hat die Apothekerin aber nicht falsch verstanden, geht es direkt an der Ludwig-Landmann-Straße. Gleich im Anschluss an das dunkle Parkhaus, das mit einer Glasfront geöffnet werden soll, schließt sich künftig ein großer Supermarkt an. Und das sei doch in einer früheren Mieterversammlung der am meisten beklagte Punkt gewesen, erinnert sich Junker: Der letzte Supermarkt der Siedlung hatte vor geraumer Zeit zugemacht, weil die Ausstellungsfläche schlicht zu knapp bemessen gewesen sei. Davon könne künftig keine Rede mehr sein, schwärmt der ABG-Manager. Und für die Apothekerin werde sich auch eine Lösung finden, selbst wenn die Frau vorübergehend vielleicht in einen Container ausweichen müsse. Doch "auf die künftigen Räume der Apotheke" in dem neuen Einkaufszentrum, das bis Ende 2011 fertig sein sollte, könne sie Einfluss nehmen.
Überhaupt will Junker die Nachbarn anspornen, sich an der Diskussion zu beteiligen, die mit dieser Mieterversammlung angelaufen ist. Die zentrale Frage stellt sich von Anfang an: "Mit welchen Mieterhöhungen müssen wir rechnen?", bringt eine ältere Frau die Sorgen der Mieter aus den insgesamt 600 Wohnungen auf den Punkt. Sie selbst habe gehört, dass man nach so einer Sanierung pro Jahr elf Prozent auf den Quadratmeter-Preis draufschlagen dürfe.
Darf man nicht. Sämtliche Wohnungen, die sich die ABG nach den Plänen des Architekten Albert Speer für eine Sanierung vornimmt, sind sozial gebunden. Deswegen müsse die Stadt einer Erhöhung der Miete zustimmen. Im Augenblick lasse sich diese Dimension noch nicht ermessen, das hänge auch davon ab, was wirklich gemacht werde. In den angrenzenden neuen Wohnungen, die Speers Kollege Jo Franzke entworfen hat, sei das anders, weil sie auf den Markt kämen, um künftig die Mieter besser mischen zu können.
"Sie selbst", spricht Junker die etwa 120 an diesem Abend gekommenen Bewohner der Lübke-Siedlung an, "Sie selbst haben zurecht gesagt, die Zusammensetzung könnte besser sein." Deswegen soll sich die neue Siedlung öffnen, wenn das Quartier in ein paar Jahren das Modell ist, an dem sich jede weitere Sanierung der 60er und 70er Jahre in dieser Stadt orientiert. Zumindest stellt sich Junker das so vor.

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