Rhein-Main und Hessen
Hessische Landespolitik und Berichte aus dem Rhein-Main-Gebiet.

25. Mai 2012

Hessens SPD-Vorsitzender Schäfer-Gümbel: "Ich bin ja keine Maschine"

Thorsten Schäfer-Gümbel in seinem Landtagsbüro: „Ich will, dass die Dinge am Ende auch funktionieren, deshalb will ich Sachverhalte durchdringen und verstehen. Insofern bin ich auch ehrgeizig.“  Foto: Boeckheler

Wenn Hessens SPD-Vorsitzender Thorsten Schäfer-Gümbel mit Mitarbeitern kriselnder Unternehmen spricht, dann fühlt er mit. Auch bei ihm war schließlich eine Zeit lang das Geld knapp. Im FR-Interview spricht er über Arbeiterführer und Aufsteiger, über Blockupy, soziale Avantgarde und die Piraten.

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Wenn Hessens SPD-Vorsitzender Thorsten Schäfer-Gümbel mit Mitarbeitern kriselnder Unternehmen spricht, dann fühlt er mit. Auch bei ihm war schließlich eine Zeit lang das Geld knapp. Im FR-Interview spricht er über Arbeiterführer und Aufsteiger, über Blockupy, soziale Avantgarde und die Piraten.

Herr Schäfer-Gümbel, sind Sie ein Arbeiterführer?

Was ist denn nach Ihrer Meinung ein Arbeiterführer?

Das wollten wir Sie fragen.

Wenn damit gemeint ist, für die Interessen arbeitender Menschen einzutreten, dann definitiv. Ordnung am Arbeitsmarkt bei Niedriglöhnen oder Leiharbeit ist eines unserer großen Themen. Eines, bei dem wir viel Glaubwürdigkeit verloren hatten. Die haben wir uns mühsam zurückerobert.

Ihre Rückfrage zeigt vielleicht, dass der Begriff nicht mehr ganz aktuell ist. Arbeiter, Proletarierer, kleine Leute – sind das noch relevante Begriffe?

Ich kann damit noch sehr viel anfangen. Arbeit und soziale Gerechtigkeit sind die Kernthemen der Sozialdemokratie. Gute Arbeitsbedingungen, Mitbestimmung, Wert und Würde der Arbeit haben mich gerade in den letzten Monaten sehr beschäftigt, von den Fusionsplänen der Deutschen Börse über Schlecker und Manroland bis aktuell mal wieder zu Opel, Neckermann, Kerry und Teka.

Aber sind denn Gewerkschaften und SPD noch die soziale Avantgarde, oder sind es längst die Blockupy-Leute, die auf der Straße das Ziel von mehr Gerechtigkeit verfolgen?

Wir werden soziale Veränderung nur erreichen, wenn Zivilgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zusammenarbeiten. Gewerkschaft und Sozialdemokratie sind Ideengeber und Träger. In diesem Sinne sind wir soziale Avantgarde. Die zunehmende Spaltung von Arbeitsbedingungen ist eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Die soziale Verantwortung droht durch die Attacken der Marktradikalen unter die Räder zu kommen.

Dass Menschen auf die Straße gehen wie jüngst in Frankfurt ist also vor allem ein Symptom dafür, dass etwas schiefgelaufen ist?

Ja, das ist zuallererst bunter Protest. Die Konsequenzen aus den Ursachen sind bis heute nicht gezogen, obwohl es sich die Politik in die Hand versprochen hat. Marktradikale in der Politik, insbesondere in der FDP, haben notwendige Reformen verhindert.

Ob Arbeiterführer oder nicht, Sie sind jedenfalls ein Arbeiterkind. Wie hat das Ihre Haltung geprägt?

Natürlich hat mich das geprägt. Ich habe am eigenen Leib erlebt, wie soziale Herkunft Bildung beeinflusst oder auch verhindert wie bei meinen Geschwistern. Dass ich so etwas nicht akzeptieren will, war mein Motiv, mich politisch zu engagieren. Eigentlich wollte ich bei den Bildungsstreiks Mitte der 80er Jahre zur Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, aber die haben damals keine Schüler aufgenommen. Deshalb bin ich zur SPD gegangen.

Ihre ganze Familie war sozialdemokratisch. Kam für Sie jemals eine andere Partei in Betracht?

Nein. Wobei damals niemand in meiner Familie SPD-Mitglied war. Meine Eltern und mein Großvater sind erst später eingetreten. Sozialdemokraten waren sie trotzdem. Es war ein sehr politisches Elternhaus. Wir haben alle zusammen zu Mittag gegessen, und Politik hat immer eine Rolle gespielt. Mein Großvater war mehr auf der Seite von Willy Brandt, mein Vater näher an Helmut Schmidt – es waren muntere Gespräche.

Haben Sie ein schlechtes Gewissen, weil Sie als einziges der vier Kinder studieren konnten?

Nein, aber ich fühle mich verantwortlich dafür, daraus Konsequenzen zu ziehen. Einer meiner Brüder wollte einen Realschulabschluss machen, aber er konnte, er durfte es nicht, weil er Geld verdienen sollte. Das prägt mich schon. Ich will es möglichst vielen ermöglichen, ihre Bildungschance zu nutzen. Geprägt hat mich auch die Verantwortung in der Familie: Mein Vater war schwer krank, fiel fast ein halbes Jahr lang als Ernährer aus, meine Mutter war viel bei ihm im Krankenhaus. Also musste ich mich als Ältester um meine drei Geschwister kümmern.

Wie alt waren Sie da?

Ich war damals zwölf Jahre alt. Ich denke, dass ich deshalb manchmal Dinge ernster nehme und nicht so locker drübergehe wie manch andere. Verantwortung ist für mich eine sehr zentrale Kategorie in meinem Denken und Handeln. Als ich nach dem Studium als Referent von Gerhard Merz – jetzt Abgeordneten-Kollege im Landtag, damals Sozial- und Jugenddezernent in Gießen – die Gelegenheit hatte, die soziale Stadterneuerung in der Gießener Nordstadt mit aufzubauen, wo ich aufgewachsen bin, war das auch eine Chance, vieles zurückzugeben.

Sind Sie ein Aufsteiger?

So nennt man das wohl.

Sind Sie deswegen ehrgeiziger?

Ich halte mich für diszipliniert und fleißig. Ich will, dass die Dinge am Ende auch funktionieren, deshalb will ich Sachverhalte durchdringen und verstehen. Insofern bin ich auch ehrgeizig.

Haben Sie Geduld mit Menschen, die mit dem silbernen Löffel im Mund geboren wurden?

Ich bin nur mir selbst gegenüber ungeduldig. Ich orientiere mich auch nicht daran, welcher Herkunft mein Gegenüber ist. Was ich allerdings erwarte ist, dass Menschen, denen viel mitgegeben wurde, ihrer sozialen Verantwortung nachkommen. Da muss vieles besser werden.

Wenn Sie mit Mitarbeitern kriselnder Unternehmen sprechen wie bei Schlecker oder Neckermann: Darf man da als Politiker mitfühlen, oder muss man das möglichst weit von sich weg halten, um objektiv zu bleiben?

Natürlich fühle ich mit. Ich bin ja keine Maschine. Das ist auch gut so. Mich lassen persönliche Schicksale nicht kalt. Vielleicht fällt es mir auch leichter, weil ich vergleichbare Situationen kenne. Bis zum Ende meines Studiums war bei uns Geld immer knapp. Wir haben alle möglichen Jobs gemacht, um das Einkommen aufzubessern. Ich kann die Verzweiflung verstehen. Und das muss man auch, sonst geht man damit technokratisch um. Das heißt ausdrücklich nicht, dass man alles verspricht. Ich versuche, Lösungen zu finden, aber niemandem etwas vorzumachen.

Vor allem als Oppositionspolitiker, der nicht so viele Möglichkeiten hat, zu helfen.

Gerade dann. Leider gibt es aber auch Oppositionspolitiker, die den Menschen alles Mögliche erzählen.

Wenn der Begriff des Arbeiterführers im Parlament zu hören ist, richten ihn meist Sozialdemokraten mit spöttischem Unterton an Regierungsvertreter. Kann man ihn überhaupt noch positiv verwenden?

Klar kann man das. Im Parlament ist er ironisch gemeint, weil Ministerpräsident Volker Bouffier und Sozialminister Stefan Grüttner sich so aufspielen, aber das Gegenteil passiert. Ich erlebe Herrn Bouffier und Herrn Grüttner selten dort, wo es Konflikte gibt, und noch seltener auf der Seite der Belegschaft.

Ministerpräsident Bouffier war bei der Opel-Betriebsversammlung, trifft sich mit Neckermann-Leuten …

Vielleicht versucht er jetzt, das Thema Arbeit ein bisschen stärker aufzunehmen, weil er merkt, dass nicht alles so gut läuft, wie er in seinen Reden immer tut. Ja, die Arbeitsmarktzahlen sind gut, aber das ist nicht sein Verdienst und hat auch eine Schattenseite: Niedriglöhne, Leiharbeit, befristete Beschäftigung, Werkverträge … Die Liste der Probleme in Hessen ist lang: Opel, Neckermann, Schlecker, Teka, Kerry und so weiter und so weiter.

Sie treffen sich nicht nur oft mit Betriebsräten, Sie haben sich auch mehrfach mit Leuten von der Piraten-Partei, die von der Besuchertribüne des Landtages twittern, zum Kaffee verabredet. Warum ausgerechnet mit diesen Besuchern – weil die ein I-Pad bedienen können?

Es ist interessant, die Piraten und ihren Zugang zu Politik zu erleben. Die Piraten haben eine Methodenkompetenz, die stärker ausgeprägt ist als bei den etablierten Parteien. Davon kann man lernen. Andererseits gehen sie zum Teil bedenklich naiv mit Macht- und Interessensfragen um und damit, welchen Einfluss sie auf einen gesellschaftlichen Diskurs haben.

Die Piraten würden sagen, es geht ihnen nicht um Macht, sondern um Sachpolitik.

Man kann in der Demokratie Sachpolitik nicht losgelöst von den verschiedenen Interessen und Machtbestrebungen einzelner Gruppen und Personen sehen. Deshalb diskutieren und streiten wir ja so engagiert im Parlament. Es gibt kein höheres Wesen, keine unsichtbare Hand, die im Hintergrund die Sachpolitik regelt.

Sie sind viel im Internet, auf Facebook und Twitter unterwegs. Wo kommt Ihr Technikinteresse her?

Technik hat mich früh begeistert, als Kind habe ich mich viel mit Lego-Technik beschäftigt. Ich hatte Chemie als Leistungskurs, meine Magisterarbeit habe ich über europäische Forschungs- und Technologiepolitik geschrieben. Gerade organische Chemie fasziniert mich ungemein.

Sie experimentieren also gern, bis es stinkt und kracht?

Ja, ich experimentiere auch – aber nicht, um mal eben ein Feuerwerk abzubrennen, sondern um zu Lösungen zu kommen.

Das Interview führten Volker Schmidt und Pitt von Bebenburg.

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