Kino statt Schule - und das am Montagmorgen. "Besser kann die Woche ja gar nicht losgehen." Szenenapplaus für Kulturdezernent Felix Semmelroth, der wie 220 Frankfurter Grundschüler an diesem Morgen immerhin auch das Glück hat, nicht im Römer, sondern im plüschroten Vorführsaal des Cinestar Metropolis am Eschenheimer Tor zu sitzen. Besser geht´s nicht - und das gilt durchaus auch für den Auftakt zur zweiten Spielwoche der vierten hessenweiten Schulkinowochen im Metropolis. Denn an diesem Morgen gibt es zu sehen, was in keinem Kino mehr läuft: Däumelinchen. Ein Silhouetten-Stummfilm, den die Scherenschnitt-Weltmeisterin Lotte Reiniger 1954 drehte.
Überhaupt war sie die erste Trickfilmerin, die in den 20er Jahren einen abendfüllenden Silhouettenfilm hinbekam. Mit rund 250.000 Einzelbildern, akribisch ausgeschnitten und jede Phase einer Bewegung hintereinander fotografiert. Das imponiert, beifälliges Raunen kommt aus den tiefen Kinosesseln. Die Spannung steigt, denn so was hat noch niemand im Saal gesehen. Und Stummfilm? Nö, das auch nicht. Zwei Jungs aus der Schwarzburgschule schütteln energisch den Kopf. Höchstens Felix Semmelroth kennt so was und Claudia Dillmann natürlich, die Direktorin des Deutschen Filminstituts, die sich das Däumelinchen als Lehrstück der Schulkinowochen natürlich nicht entgehen lässt.
Film- und Medienkompetenz für Kinder ist Ziel der Frankfurter Schulkinowochen, die als Bildungsangebot unter anderem vom Land unterstützt werden.
4000 Schüler aus 66 Schulen sehen bis 12. März Filme und reden mit Filmschaffenden. Das Ausbildungsradio der Hörfunkschule Frankfurt sendet live ein Programm zu Schulfilmwochen.
Klapperndes Geschirr im Kino
Aus gutem Grund, denn so wie an diesem Morgen hat das Däumelinchen noch kein Mensch gesehen. Die Chorkinder der Phormsschule unter Leitung von Christina Follmer haben den Stummfilmklassiker mit eigenem Text, eigenen Dialogen, eigener Musik und eigenen Geräuschen vertont und synchronisieren ihre Fassung im Kino live zum Film. War ganz schön viel Arbeit sagen Dana, Annabell, und Emily. Vor den Winterferien haben sie angefangen, sich erst den Film ohne Ton angeschaut, dann Ideen zur Handlung gesammelt, zur Musik und zu den Geräuschen.
"Frau Follmer hat dann aus unseren Ideen den Text zusammengeschrieben", sagt Anabell, die live Flöte und Metallophon spielen und am Ende auch noch singen muss. Bloß keinen Einsatz verpassen, der Text muss zur Bewegung kommen, das Geschirr muss klappern, wenn der Maulwurf seinen Tee bekommt, das Däumelinchen schluchzt, wenn sie ihre Hände herzzerreißend in die Höhe streckt und ihr Köpfchen bebt, und der Frosch muss quaken, wenn er das Maul aufreißt. "Wir mussten ganz schön viel üben", sagen alle.
Elf Minuten Faszination
Aber es hat sich gelohnt, die Welturaufführung mit Live-Synchronisation klappt wie am Schnürchen - und wird frenetisch bejubelt. Blitzlichter zucken durch die Dunkelheit, Chorleiterin Christina Follmer wird mit Blumen überhäuft, ihre Tonkünstler müssen am laufenden Band Interviews geben. "Ich fand´s toll. Es hat total viel Spaß gemacht", sagt Annabell. Und genau das sagen auch die jungen Zuschauer, während sie sich aus ihren Kinosesseln schälen. Sogar der Anfang war toll, sagt Elias. Als das Däumelinchen im ersten Durchlauf komplett ohne Ton zu sehen war. Wäre nicht der ganze Saal mit Teppichboden ausgelegt, man hätte Stecknadeln fallen hören können.
Mucksmäuschenstill haben die 220 Jungen und Mädchen die Elf-Minuten-Stille des märchenhaften Scherenschnitt-Films verfolgt. Haben gebannt zugeschaut, wie Däumelinchen Elfen gleich auf einer filigranen Blüte tanzt, wie der fette Frosch sie schnappt, Fische und ein Schmetterling sie retten, wie sie mit den Vögeln singt, geschmeidig mit einem Eichhörnchen Ball spielt, und wie sie schließlich im Haus der Feldmaus landet, wo ein alter, reicher Maulwurf sie fast zur Heirat zwingt. Während sich einige Jungs wundern, dass an dem Film mit den Tausenden von Bildern nur vier bis sechs Leute gearbeitet haben, fragt sich ein Mädchen, ob es wohl in echt so kleine Däumelinchen gibt. Womöglich noch in Schwarz-Weiß.

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