Herr Handwerk, Privatschulen boomen. Profitieren auch die Waldorfschulen von diesem Trend?
Bei uns stagnieren die Schülerzahlen seit zwei bis drei Jahren.
Norbert Handwerk ist seit zehn Jahren Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen (LAG) in Hessen. Der heute 59-Jährige ist Lehrer für Germanistik und Politik und arbeitete zunächst neun Jahre lang an einer staatlichen Schule in Frankfurt, bevor er 1986 in Neu-Isenburg eine Waldorfschule mitbegründete. Diese zog später nach Dietzenbach um.
Zehn Waldorfschulen mit den Jahrgangstufen 1 bis 13 gibt es insgesamt in Hessen, außerdem sieben heilpädagogische Waldorf-Förderschulen, eine Berufsfachschule sowie zwei Waldorflehrerseminare. 6000 Kinder und Jugendliche besuchen zurzeit diese Schulen.
Das durchschnittliche Schulgeld je Monat, das von den Eltern zu zahlen ist, beträgt 175 Euro. Träger ist jeweils ein gemeinnütziger Elternverein. Die staatliche Finanzhilfe deckt nach Angaben der LAG die echten Schulbetriebskosten nur zu etwa 60 Prozent.
In den Waldorfschulen wird im Klassenverband gelernt, der von der ersten bis zur zwölften Klasse stabil bleibt. Es gibt kein Sitzenbleiben, Noten erst ab der 9./10. Klasse. Neben der staatlich anerkannten gymnasialen Oberstufe gibt es in der 11./12. Klasse meist auch berufsorientierende Angebote. pgh
Warum?
Die Menschen, die ihre Kinder in Schulen mit freier Trägerschaft schicken, wünschen weniger als früher eine besondere pädagogische Methode. Es ist eher eine Bewegung, die aus der Enttäuschung über das staatliche Schulwesen kommt und aus der damit verbundenen Sorge, die Karrierechancen ihrer Kinder könnten sinken. Waldorfschulen dagegen wurden und werden gegründet und getragen von Eltern, die in Erziehung und Bildung etwas anders machen möchten.
Wie sieht dieses Andersmachen aus?
Entscheidend ist das Menschenbild. Jedes Individuum optimal zu fördern heißt nicht, dass alle möglichst früh ein gutes Zentralabitur ablegen müssen. Der zunehmende Leistungsdruck, Vergleichsarbeiten und das Teaching to the Test (prüfungsbezogenes Lehren, die Red.) sind ein Holzweg. Wenn wir jeden Schüler in seiner Einzigartigkeit annehmen, ihm helfen sich selbst zu entwickeln, so kann Bildungsziel nicht eine möglichst hohe Akademikerquote sein. Praktisches und künstlerisches Lernen sind für die Persönlichkeitsentwicklung vielleicht viel wichtiger. Das Vergleichen, Notendruck und Versetzungsängste sind dagegen kontraproduktiv.
Wie beurteilen Sie den Erfolg von Schulangeboten wie das der Phorms AG, die gezielt Mittelschichteltern mit Gymnasialkindern anspricht, ein hohes Schulgeld nimmt und mit Bildung Gewinn machen will?
Das macht mir schon Sorge. Zwar habe ich nichts dagegen, wenn mehr Schüler Schulen in freier Trägerschaft besuchen - in anderen Ländern wie Holland geht das ja auch, ohne dass alles zusammenbricht. Aber für die Gesellschaft ist es gefährlich, wenn Bildung ökonomisiert wird.
Worin besteht die Gefahr?
Die Gefahr besteht darin, dass der Konsens über die Bildungsziele auseinanderbricht, dass es spezielle Angebote gibt, die nur wenigen zugänglich sind, und dass dies über das Geld der Eltern entschieden wird. Manche Privatschulen nehmen bis zu 1000 Euro im Monat und mehr.
Auch der Besuch einer Waldorfschule kostet Geld - auch Sie trifft oft der Vorwurf der sozialen Abgrenzung. Was muss ich bei Ihnen zahlen?
In Nordhessen liegt das im Schnitt bei 100 Euro im Monat, in Südhessen bei 200 Euro. Wir nehmen aber viele Eltern auf, die dieses Geld nicht aufbringen können, und gleichen es dadurch aus, dass andere freiwillig mehr zahlen.
Segregation, die Trennung nach sozialen Schichten, geschieht nicht allein übers Geld, sondern auch dadurch, dass bildungsnahe Eltern nach den besten Angeboten für ihr Kind suchen und dabei häufig bei den Privatschulen fündig werden. Andere Eltern nehmen das, was am nächsten liegt. Wollen und können Sie dem entgegen wirken?
Wir würden gerne Waldorfschulen etwa im Frankfurter Gallusviertel eröffnen. Aber wir können uns das nicht leisten. Solange der deutsche Staat Privatschulen nur mit 75 Prozent der Kosten unterstützt, müssen wir Schulgeld von den Eltern nehmen, und das können sich viele in Wohnquartieren wie dem Gallus nicht leisten. Lediglich in Mannheim betreiben wir eine Schule in einem sozialen Brennpunkt, was Waldorfschulen ja weltweit etwa in Brasilien tun. Das funktioniert pädagogisch wunderbar - in Deutschland geht es aber nur sehr begrenzt und nur dadurch, dass andere Waldorfschulen dies finanziell ausgleichen.
Der Staat soll alle Privatschulen voll finanzieren und Schulbeiträge der Eltern verbieten, lautet eine Forderung. Würde dadurch wirklich die soziale Trennung aufgehoben?
Allein dadurch sicher nicht, aber es wäre eine gute Voraussetzung. Ich habe kürzlich jemanden aus Boston in den Vereinigten Staaten getroffen. Dort hatte man lange versucht, eine soziale Durchmischung zu erreichen, indem Kinder in Schulbussen durch die Gegend gefahren wurden, damit an jeder Schule in etwa gleich viele Schwarze, Weiße und Latinos sind. Das hat überhaupt nicht funktioniert.
Und dann?
Eine gute Durchmischung kam von selbst zustande, als man den Eltern die freie Schulwahl gab und Beratungsstellen einrichtete. Alle Eltern waren verpflichtet, sich dort ausführlich über die Vielfalt des Schulangebots zu informieren. Dieses wunderbare Beispiel zeigt die Bedeutung der Freiheit, die Eltern und Schulen haben müssen und die nicht von deren finanziellen Möglichkeiten beschränkt sein darf.
Interview: Peter Hanack

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