Als Anna Schenkel nach dem Mittagessen - sie hatte sich gegen Kartoffelpuffer und für Hühnerfrikassee entschieden - noch ein paar Minuten im Begegnungszentrum des Julie-Roger-Hauses verschnauft, steht ein Glas Cola vor der 83-Jährigen. Ernährungswissenschaftlern dreht sich der Magen um, wenn sie an dieses zuckersüße Getränk denken. Für die Bewohner des Alten- und Pflegeheims ist es eine willkommene Abwechslung.
"Das Wasser war 27, 28 Grad warm. Ich denke, ich trinke die ganze Badewanne aus." Hans Jürgen Hausdörfer schüttelt sanft den Kopf. Natürlich steht auch jede Menge gut gekühltes Mineralwasser bereit. Trinken ist in diesen Tage ein Muss für die Bewohner - und eine Herausforderung für die Pflegekräfte. Wie überzeugt man einen Demenzkranken, dass er trinken muss? "Mit Cola geht das", meint eine Pflegekraft.
Der Deutsche Wetterdienst informiert alle Altenpflegeheime, wenn die gefühlten Temperaturen über 32 Grad klettern. Ab dem dritten Tag über 32 Grad und bei Temperaturen von 38 Grad und mehr gilt die Hitzewarnstufe zwei. Dies ist jetzt in Frankfurt seit einer Woche der Fall.
Die gefühlte Temperatur wird in einem komplizierten Verfahren ermittelt. Berücksichtigt werden Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Windgeschwindigkeit und Bewölkung. Das Ergebnis soll der tatsächlichen Belastung durch die Hitze Rechnung tragen.
Das Hitzewarnsystem wurde nach dem Sommer 2003 entwickelt. In der ersten Augusthälfte starben in Frankfurt 200 alte Menschen mehr als in anderen Jahren - die Hälfte von ihnen in Heimen, die anderen in ihren Wohnungen. Wie alte Menschen, die alleine leben, erreicht werden können, ist ein bisher nicht gelöstes Problem. (ft)
Zwei große Ventilatoren drehen sich im Begegnungszentrum unter der Decke. Anna Schenkel ist im Gegensatz zu anderen Heimbewohnern, die auch bei diesen Temperaturen dicke Jacken tragen, luftig gekleidet. Die weiße Bluse der ehemaligen Schuhverkäuferin ziert eine Kette mit Anhänger. "Je mehr ich trinke, desto mehr muss ich laufen", sagt die 83-Jährige, die sich beim Gehen auf einen Rollator stützen muss. Wie sie mit der Hitze klarkommt? "Ich habe ja nur 28 Grad im Zimmer", berichtet sie und erzählt vom Duschen mit einer Pflegerin. "Das hätte ich gern allein gemacht." Aber mit 83 geht eben nicht mehr alles so wie in jungen Jahren - obwohl man doch so viel Wünsche hat.
Einer soll heute wahr werden: "Ich habe so einen Appetit auf Original Frankfurter Würstchen", hatte Schenkel gesagt, bevor sie sich auf ihr Zimmer zurückzog. Und Hans Jürgen Hausdörfer verspricht am Dienstag: "Ich schicke morgen meinen Zivi los. Ein Mann ein Wort, Frau Schenkel."
Morgens um 11 und um 17 Uhr wird im Julie-Roger-Haus in der Gummersbergstraße die Temperatur in den Zimmern und Aufenthaltsräumen gemessen. Noch sieht die Lage entspannt aus. Nachts werden die Fenster geöffnet, tagsüber die Rollläden heruntergefahren. Es wurden Ventilatoren angeschafft. Tagsüber wird für Durchzug gesorgt, es werden Wasser und kalter Tee angeboten. Dazu jede Menge Salzgebäck, erklärt Hausdörfer. Drei Hausärzte sind an mindestens drei Tagen im Heim.
Bislang hat der deutsche Wetterdienst an sieben aufeinander folgenden Tagen die Hitzewarnstufe 2 ausgesprochen. Das Stadtgesundheitsamt und die Alten- und Pflegeheime erhalten diese Meldung automatisch per E-Mail oder Fax.
Im Café des Julie-Roger-Hauses sitzt eine alten Dame mit Strohhut und löst Kreuzworträtsel. Ein Pfleger kommt vorbei, fragt ob er ihr etwas zu trinken bringen kann. Es ist wohl die am häufigsten gestellte Frage bei diesen hochsommerlichen Temperaturen. Der gestrige Tag war ja schon fast angenehm kühl. Doch bis zum Wochenende wird es voraussichtlich schwül und gewittrig weitergehen mit Temperaturen bis zu 35 Grad.
Letztes Refugium im 90 Jahre alten nach seiner Gründerin benannten Heim ist der Garten mit seinen Bäumen, die Schatten spenden und einer munter sprudelnden Fontäne. Hier warten die Ziegen Reni und Leni darauf, dass sie von den Bewohnern mit Äpfeln und Brot gefüttert werden. 30 Kaninchen leisten ihnen Gesellschaft. Im Notfall könnten besonders gefährdete Bewohner hier in einem Vorbau unterkommen. "Im vergangenen Jahr", so Hausdörfer haben wir das "ein, zwei Mal gemacht".

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