Frau Dantschke, Sie gehören zu den Initiatoren des Berliner Bündnisses gegen den Al-Quds-Tag. Wie kam es dazu?
Mein Kollege Ali Yildirim und ich haben diese Demonstration in Berlin ab 2000 intensiv beobachtet und journalistisch begleitet. Dass sich ihre Dimension in der Berliner Presse nicht widerspiegelte, wunderte uns. Als es bei der Demo in 2002 in den Zeitungen um die Frage ging, ob es denn sein müsse, dass zu dieser Zeit Aufmärsche in der Innenstadt stattfinden und das Weihnachtsgeschäft stören, hat es uns gereicht. Die Öffentlichkeit hatte das Ausmaß dieser Kundgebung nicht realisiert.
Claudia Dantschke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Zentrum Demokratische Kultur in Berlin und Journalistin. Mit Ali Yildirim betreibt sie die deutsch-türkische Medienproduktionsfirma Aypa.
Die 46-Jährige hat Arabistik studiert und sich in ihrer Arbeit auf Antisemitismus und islamistische Strukturen spezialisiert. Für die Amadeu-Antonio-Stiftung hat sie die Handreichung "Die Juden sind schuld" erstellt. (top)
Was verbirgt sich denn hinter dieser Kundgebung?
Al-Quds-Tag ist das beste Beispiel dafür, wie Religion für politische Interessen missbraucht wird. Er findet am letzten Freitag des Monats Ramadan statt; das ist eine der religiösen und sprituellsten Zeiten im islamischen Jahr überhaupt. Für diesen Tag hatte Khomeini den Al-Quds-Tag ausgerufen, mit dem politischen Ziel, dass Israel von der Landkarte verschwinden soll. Die Demos finden weltweit statt, werden vom Iran aus koordiniert und von verbündeten islamistischen Zentren vor Ort organisiert. In Deutschland war es das unter Beobachtung des Verfassungsschutz stehende Islamische Zentrum Hamburg und die auch unter Beobachtung stehende Hisbollah. Auf der Berliner Al-Quds-Demo wurde unter anderem "Liebe Christen gebt doch acht, Zionisten haben hier Macht" gerufen. Wir haben die Berliner dazu bewegen wollen, Stellung zu beziehen. Die Amadeu-Antonio-Stiftung hat uns dabei maßgeblich unterstützt.
Wie ging das Bündnis vor?
Wir haben im November 2003 einen Aufruf veröffentlicht, den innerhalb kurzer Zeit an die 300 Persönlichkeiten unterzeichnet haben, darunter Bundes- und Landespolitiker, Vertreter von jüdischen Gemeinden, Migrantenorganisationen und antirassistischen Initiativen. Wir haben aber nicht jeden Unterzeichner - wie etwa die fundamentalistische Partei bibeltreuer Christen - aufgenommen. Die Berliner Innenverwaltung hat übrigens auf unsere Aktion reagiert und die Route geändert; sie durfte nicht mehr über den Kurfürstendamm führen. In den Folgejahren haben wir zu Gegenkundgebungen aufgerufen und, in Kooperation mit der Heinrich-Böll- und der Friedrich-Ebert-Stiftung, 2004 eine Konferenz organisiert und die Facetten des Al-Quds-Tags beleuchtet.
Verboten worden ist die Demonstration aber nicht...
Das ist sehr schwierig, da Meinungsfreiheit ein sehr hohes Gut ist; selbst NPD-Demos oder antimuslimische Demos konnten ja nicht verboten werden. Zudem haben die Organisatoren der Al-Quds-Demos, die übrigens im Laufe der Jahre gewechselt haben, ihre Strategie geändert und unter anderem Bündnispartner wie die Neturei-Karta-Juden ins Boot genommen. Denn gegen gottesfürchtige Juden ist nach der islamistischen Ideologie nichts einzuwenden, nur gegen den gottlosen Juden, den Zionisten. Wie alle religiösen Fundis sehen sie im Gottlosen den Feind.
Welche Wirkung hatte Ihre Gegenoffensive?
Die öffentliche Debatte hat dazu beigetragen, dass immer weniger Personen sich an der Demo beteiligten, sicherlich aus unterschiedlichen Gründen; manche, weil sie sich der Dimension dieser Kundgebung bewusst wurden, andere, weil sie sich nicht mehr öffentlich zeigen wollten. Die Teilnehmerzahl lag anfangs bei 2500. In den vergangenen drei Jahren waren es nicht mehr als 400 Personen.
Lässt sich denn ein harter Kern erkennen?
Führende Mitglieder der Imam-Riza-Gemeinde waren immer dabei, auch in 2009, von 2003 bis 2005 waren sie sogar Ordner und Abschlussredner für die Demo; ob Sebahattin Türkyilmaz bei der letzten Demo dabei war, weiß ich nicht, 2006 habe ich ihn auf der Demo auf jeden Fall gesehen. Wir haben ja ab 2003 gegen diese Kundgebung mobilisiert, sie wurde zu einem großes Thema, nicht nur in Berlin. Türkyilmaz und seine Gemeinde, in der seine Brüder eine wichtige Rolle spielen, hat das aber nicht nicht gekratzt; es kann nicht sein, dass er nicht mitbekommen hat, was mit dieser Kundgebung verbunden ist.
Interview: Canan Topçu

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