Herr Müller, wie erklären Sie Jugendlichen muslimischer oder arabischer Herkunft die Sensibilität in Deutschland gegenüber dem israelischen Staat?
Es geht hier nicht um deutsche Sensibilitäten. Antisemitismus ist schließlich eine demokratiegefährdende Weltanschauung, der man grundsätzlich vorbeugen muss. Und wenn Jugendliche Israel nicht anerkennen wollen und teils sogar antisemitische Stereotypen verbreiten, dann hat das oft mit Unkenntnis oder Halbwissen über die Konfliktgeschichte und die Entstehung von Israel zu tun.
Aber diese Jugendlichen besuchen hier die Schule und haben Geschichtsunterricht ....
Ich habe den Eindruck, dass der Unterricht ungenügend ist und nicht auf die spezifischen Erfahrungen der Jugendlichen und ihrer Familien eingeht. Der Nah-Ost-Konflikt müsste genauer betrachtet und seine komplexe Geschichte aus Sicht der verschiedenen Seiten beleuchtet werden.
Wir brauchen also eine n multiperspektivischen Blick?
Ja. Es müssen die unterschiedlichen arabischen Perspektiven und auch die israelischen Sichtweisen des Konflikts einbezogen werden, um Schwarz-Weiß-Denken und einer Unterteilung in Gut und Böse zu begegnen. So kann dargestellt werden, dass es Flucht und Vertreibung auf beiden Seiten gegeben hat. Die meisten Jugendlichen wissen etwa nicht, dass 1948 auch hunderttausende Juden ihre arabische Heimat verlassen mussten und nach Israel flohen. Vor dem Hintergrund des Holocaust kann das Bedürfnis Israels nach Sicherheit verständlich gemacht werden. Was die Jugendlichen von Zuhause über den Konflikt mitbekommen, ist meist die andere Seite der Geschichte. Diese Multiperspektive ist eine große Herausforderung für Pädagogen, es braucht Fingerspitzengefühl. Wenn es gelingt, beugt es Mythenbildung und einseitigen Wahrnehmungen vor. Und somit auch antisemitischen Überzeugungen.
Wieso identifizieren sich viele Jugendliche in dritter Einwandergeneration so stark mit den Menschen im Nahen Osten?
Der Nah-Ost-Konflikt ist ein Ventil für viele Jugendliche, die sich hier ungerecht behandelt und als Deutsche nicht akzeptiert fühlen. Der Nahostkonflikt wird für sie zur Projektionsfläche, weil dort aus ihrer Sicht Muslime und Araber ungerecht behandelt werden.
Interview: Canan Topçu

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