Er ist ja schon für Deftiges zu haben. Sozusagen für den Handkäs´ mit Musik des Historikers. So bereitet Wolfgang Metternich gerade drei Vorträge für die Frankfurter Nacht der Museen vor. Im Kronberger Haus in Höchst wird er über die Geschichte der Hygiene sprechen unter dem Titel "Kacke gut und scheiß´ auf die Ärzte" - über die Toilettenkultur in Antike und Mittelalter.
Wolfgang Metternich darf das sagen, denn er kann das auch auf Latein. Und er zitiert ja nur die Kritzelei eines Philosophen der Antike auf einer Toilette in Ostia. Während der promovierte Kunsthistoriker und Buchautor das erzählt, sitzt er am Wohnzimmertisch eines Einfamilienhauses in Kriftel, blickt auf die selbst gebaute Pergola über der Terrasse, der noch das Weinlaub fehlt - und lächelt sein zurückhaltendes Lächeln.
Auch wenn ihm die deftige Historikerkost Spaß macht - "Ich habe 300 bis 400 alte Toiletten dokumentiert, von der russischen Militärtoilette bis zur Anlage in der Kronberger Burg" - bildet anderes, "Ernsthaftes", den Löwenanteil seiner Arbeit. Soll keiner erwarten, dass ihn das Forscherfieber packen würde, wenn er als Student der Kunstgeschichte,Vor- und Frühgeschichte und Archäologie 1979 bei Grabungen am Höchster Schloss einen verschütteten Notausgang entdeckt. Wer da mit Euphorie rechnet, den bittet er "doch alle Romantik beiseite zu lassen, das Graben ist eine ernsthafte Sache."
Mit solchen korrigierenden Bemerkungen irritiert er zwar auch schon mal seine Gesprächspartner. Doch der 62-Jährige fordert vor allem wissenschaftliche Genauigkeit. Fiebrige Aufgeregtheit stört da nur, würde die Aufmerksamkeit für "Ungereimtheiten, Fehler in der bisherigen Geschichtsschreibung oder Lücken", vernebeln. Diese Suche ist neben dem geduldigen, jahrzehntelangen Sammeln von Informationen der Kern von Metternichs Arbeit - sei es über Kultorte auf den irischen Aran-Inseln, über finstere bis obszöne figürliche Darstellungen an Gotteshäusern des Mittelalters oder über das Inventar der Höchster Justinuskriche.
Es ist eine behutsame, geduldige Leidenschaft, die Liebe zur Wahrhaftigkeit, mit der der gebürtige Höchster auch richtig unbequem wird. So stellte er die Frage, wie das Werk Hoechst unter dem Dach der I.G.Farben während der Nazizeit mit jüdischen Mitarbeitern umging.
25 Jahre lang, bis 2009, baute er als Historiker und Archivar der Hoechst AG nicht nur eines der größten deutschen Industriearchive auf. Sondern er managte auch zwischen 1997 und 2003 im Team mit Historikern aus USA, Schottland sowie dem Wirtschaftshistoriker Stephan Lindner die weltweite Spurensuche nach dem Schicksal dieser Juden.
"Bei der Suche nach Dokumenten haben wir in einem entlegenen Keller des Industrieparks Höchst einen Tresor entdeckt - mit Personalakten leitender jüdischer Angestellter", erzählt er. "Die hätte es eigentlich gar nicht mehr geben dürfen." Sein Kommentar: "Da haben wir uns gefreut." Denn, das gibt der Wissenschaftler zu, "die Erforschung jüdischer Schicksale liegt mir persönlich am Herzen".
Je länger er erzählt, desto mehr Bildbände holt er aus dem Arbeitszimmer, erst sechs, dann sieben, dann acht, um Aussagen zu illustrieren, Daten zu belegen. Weil seine Themen ihm auch immer Herzensangelegenheit sind: Da ist die Bilderkunst des Mittelalters, für die er 40.000 Kilometer durch Europa gereist ist, denn "ich schreibe nur über etwas, das ich mit eigenen Augen gesehen habe".
Oder da ist die Zukunft des Bolongaropalastes, die er "zurzeit wieder ganz offen" nennt und für die er - mit seinem Wissen aus den Restaurierungen der Justinuskirche und des Alten Höchster Schlosses - einen "realistischen Kostenrahmen von 40 Millionen" nennt.
Ideen für neue Projekte hat er genug. Und für - gut belegte - Überraschungen ernsthafter wie deftiger Art ist Metternich auch in Zukunft zu haben. So will er im Vortrag zur antiken Toilette Kaiser Nero entlasten. "Der hat mit hoher Wahrscheinlichkeit den großen Brand von Rom nicht gelegt."

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