kalaydo.de Anzeigen

Im Porträt: Der Referent für stille Örtchen

Während der Nacht der Museen wird der Historiker Wolfgang Metternich über die Geschichte der Hygiene unter dem Titel "Kacke gut und scheiß' auf die Ärzte" sprechen. Er ist Fachmann für die Toilettenkultur in Antike und Mittelalter. Von Annegret Schirrmacher

In des Historikers guter Stube: Wolfgang Metternich denkt über die Verantwortung des Geschichtsforschers nach.
In des Historikers guter Stube: Wolfgang Metternich denkt über die Verantwortung des Geschichtsforschers nach.
Foto: FR/Andreas Arnold

Er ist ja schon für Deftiges zu haben. Sozusagen für den Handkäs´ mit Musik des Historikers. So bereitet Wolfgang Metternich gerade drei Vorträge für die Frankfurter Nacht der Museen vor. Im Kronberger Haus in Höchst wird er über die Geschichte der Hygiene sprechen unter dem Titel "Kacke gut und scheiß´ auf die Ärzte" - über die Toilettenkultur in Antike und Mittelalter.

Wolfgang Metternich darf das sagen, denn er kann das auch auf Latein. Und er zitiert ja nur die Kritzelei eines Philosophen der Antike auf einer Toilette in Ostia. Während der promovierte Kunsthistoriker und Buchautor das erzählt, sitzt er am Wohnzimmertisch eines Einfamilienhauses in Kriftel, blickt auf die selbst gebaute Pergola über der Terrasse, der noch das Weinlaub fehlt - und lächelt sein zurückhaltendes Lächeln.

Auch wenn ihm die deftige Historikerkost Spaß macht - "Ich habe 300 bis 400 alte Toiletten dokumentiert, von der russischen Militärtoilette bis zur Anlage in der Kronberger Burg" - bildet anderes, "Ernsthaftes", den Löwenanteil seiner Arbeit. Soll keiner erwarten, dass ihn das Forscherfieber packen würde, wenn er als Student der Kunstgeschichte,Vor- und Frühgeschichte und Archäologie 1979 bei Grabungen am Höchster Schloss einen verschütteten Notausgang entdeckt. Wer da mit Euphorie rechnet, den bittet er "doch alle Romantik beiseite zu lassen, das Graben ist eine ernsthafte Sache."

Mit solchen korrigierenden Bemerkungen irritiert er zwar auch schon mal seine Gesprächspartner. Doch der 62-Jährige fordert vor allem wissenschaftliche Genauigkeit. Fiebrige Aufgeregtheit stört da nur, würde die Aufmerksamkeit für "Ungereimtheiten, Fehler in der bisherigen Geschichtsschreibung oder Lücken", vernebeln. Diese Suche ist neben dem geduldigen, jahrzehntelangen Sammeln von Informationen der Kern von Metternichs Arbeit - sei es über Kultorte auf den irischen Aran-Inseln, über finstere bis obszöne figürliche Darstellungen an Gotteshäusern des Mittelalters oder über das Inventar der Höchster Justinuskriche.

Es ist eine behutsame, geduldige Leidenschaft, die Liebe zur Wahrhaftigkeit, mit der der gebürtige Höchster auch richtig unbequem wird. So stellte er die Frage, wie das Werk Hoechst unter dem Dach der I.G.Farben während der Nazizeit mit jüdischen Mitarbeitern umging.

25 Jahre lang, bis 2009, baute er als Historiker und Archivar der Hoechst AG nicht nur eines der größten deutschen Industriearchive auf. Sondern er managte auch zwischen 1997 und 2003 im Team mit Historikern aus USA, Schottland sowie dem Wirtschaftshistoriker Stephan Lindner die weltweite Spurensuche nach dem Schicksal dieser Juden.

"Bei der Suche nach Dokumenten haben wir in einem entlegenen Keller des Industrieparks Höchst einen Tresor entdeckt - mit Personalakten leitender jüdischer Angestellter", erzählt er. "Die hätte es eigentlich gar nicht mehr geben dürfen." Sein Kommentar: "Da haben wir uns gefreut." Denn, das gibt der Wissenschaftler zu, "die Erforschung jüdischer Schicksale liegt mir persönlich am Herzen".

Je länger er erzählt, desto mehr Bildbände holt er aus dem Arbeitszimmer, erst sechs, dann sieben, dann acht, um Aussagen zu illustrieren, Daten zu belegen. Weil seine Themen ihm auch immer Herzensangelegenheit sind: Da ist die Bilderkunst des Mittelalters, für die er 40.000 Kilometer durch Europa gereist ist, denn "ich schreibe nur über etwas, das ich mit eigenen Augen gesehen habe".

Oder da ist die Zukunft des Bolongaropalastes, die er "zurzeit wieder ganz offen" nennt und für die er - mit seinem Wissen aus den Restaurierungen der Justinuskirche und des Alten Höchster Schlosses - einen "realistischen Kostenrahmen von 40 Millionen" nennt.

Ideen für neue Projekte hat er genug. Und für - gut belegte - Überraschungen ernsthafter wie deftiger Art ist Metternich auch in Zukunft zu haben. So will er im Vortrag zur antiken Toilette Kaiser Nero entlasten. "Der hat mit hoher Wahrscheinlichkeit den großen Brand von Rom nicht gelegt."

Autor:  Annegret Schirrmacher
Datum:  17 | 3 | 2010
Kommentare:  Kommentieren
Empfehlen:  E-Mail
Leserbrief:  Leserbrief
Artikel:  Drucken
Twitter im Landtag
 

Nachrichten aus Frankfurt und Rhein-Main

Anzeige

Social Media
Unser Twitter-Ticker für Frankfurt und Rhein-Main.

 

Facebook | Twitter überregional | Google+
Was bedeutet das hier? FR@Social Media!

Anzeige

Frage des Tages: Sollte man härter gegen Graffiti-Sprayer vorgehen?

Frankfurts Fassaden sind voll von Graffiti. Die Verursacher sind meistens nicht festzustellen. Die Polizei will nun härter gegen Graffiti-Sprayer vorgehen. Was halten Sie davon?

 

OB-Stichwahl in Frankfurt
Wahlergebnis Sehen Sie auch die Ergebnisse nach Stadtteilen als Grafik-Fotostrecke. Außerdem zeigen wir die Top- und Flop-Ergebnisse von Peter Feldmann und Boris Rhein nach Stadtteilen und noch detaillierter nach Wahlbezirken. Alles Weitere im Wahl-Spezial.
Frage des Tages: Welches Thema sollte der neue OB Peter Feldmann zuerst angehen?

Peter Feldmann wird Frankfurts neuer Oberbürgermeister. Welches Thema sollte der Sozialdemokrat in seinem neuen Amt als erstes angehen?

OB-Wahl in Frankfurt
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Machtkampf nach OB-Wahl in Frankfurt 
        

Zählt die Tage bis zum Amtsantritt: Peter Feldmann.
Neuer Oberbürgermeister Frankfurt 
Der neue Oberbürgermeister Peter Feldmann bringt ein neues Team mit.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Prinz Asfa-Wossen Asserate.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
So freuen sich Oberbürgermeister: Petra Roth (CDU) und Peter Feldmann (SPD), letzterer mit der Hand in der Hosentasche, ein Fauxpas.
Nach der OB-Wahl in Frankfurt 
Spezial: Frankfurt Flughafen

Frankfurt Flughafen - Rhein-Main leidet und profitiert von dem Verkehrsknoten gleichermaßen: kurze Wege, aber viel Lärm für die Anwohner. Der Ausbau ist seit Jahrzehnten umstritten. Das Spezial.


Spezial: Der Flughafen wächst weiter
Manche Menschen freuen sich über den Klang von Glocken, andere fühlen sich gestört. (Symbolbild)
Fluglärm in Frankfurt 
        

Für diejenigen Menschen, die unter dem Fluglärm leiden, ist Frankfurt bei weitem nicht „grün“ genug.
Fluglärm in Frankfurt 
        

Wohnen in der Region: Lärm, aber noch kein Schallschutz.
Schleppende Antragsbearbeitung 
        

Nach Sonnenuntergang sollen auch die Flieger unten bleiben.
Nachtflugverbot 

Anzeige

Staumelder

Staumelder 116 Staus mit einer Gesamtlänge von 583km
Zu den Staumeldungen
Spezial

Auch dieses Jahr dürfte beim Schulwechsel der Sturm auf die Gymnasien ungebrochen anhalten. Doch welche Schulen passen eigentlich zu welchen Kindern? Die FR bietet einen Überblick.

Glosse
        

Da steht sie auf ihrem Brunnen in der Klappergasse.

Jeden Tag gibt's nun eine kurze Glosse zu unglaublichen Geschichten aus dem Frankfurter Alltag zu lesen.

 

Anzeige

 
Frankfurter Stadtteil-Porträts
Fragt man in Frankfurt die Leute, was denn die Hauptwache sei, bekommt man viele Antworten. Die einen haben einen Platz vor Augen, andere verwechseln die Hauptwache mit der Zeil. Wieder andere gehen davon aus, mit der Verabredung sei das Café Hauptwache gemeint. Oder auch die Standuhr dahinter.
Frankfurter Innenstadt 
..die Villa Meister. Das prachtvolle und heute denkmalgeschützte Gebäude hatte Herbert von Meister,der  Sohn von Carl Friedrich Wilhelm Meister, einem der Begründer der Farbwerke Hoechst, im Jahr 1902 erworben.
Frankfurt-Sindlingen 
        

Schon schön: Ein Blick in     die Grillparzerstraße im Dichterviertel.
Frankfurt-Dornbusch 
Auf den fruchtbaren Äckern im Frankfurter Norden wird immer noch Landwirtschaft betrieben. Und manch ein Erzeuger vermarktet seine Produkte immer noch selbst.
Frankfurt-Nieder-Eschbach 
Weblog

Seit vielen, vielen Jahren ist "kit" Eishockey-Berichterstatter. Im Blog berichtet er über die Löwen Frankfurt - "in your face".