Sie braucht Stress. Braucht den Druck, sich in kurzer Zeit Texte und Gesangspartien draufzuschaffen, als Einspringerin mal eben nach Wien, Berlin, Hamburg oder München zu jetten, braucht den Adrenalin-Kick, auf großer Bühne alles zu geben. Bis an die Grenzen der Kraft, die auf der Bühne schier unendlich scheint und Rezensenten von ihrem "klaren, silbrig perlenden, nuancenreichen" Sopran schwärmen lässt.
"Wenn viel zu tun ist, lauf´ ich zu Hochform auf." ChristianeKarg sagt es mit ihrem spontanen Mädchenlachen, das so vor Energie strotzt, dass man sofort von jedem ihrer Worte überzeugt ist. Dann joggt sie am Main entlang, trimmt sich mit Knopf im Ohr auf dem Stepper im Fitnessstudio Texte rein. "Bei der Arm-Bein-Bewegung kann man am besten Texte lernen." Um die Blicke der Trainierenden drumrum schert sich die 29-Jährige nicht, da muss man durch.
Christiane Karg wird ab 27. November im Wechsel mit Brenda Rae die Pamina in der Zauberflöte singen, ab 1. November die Servilia in La Clemenza di Tito.
So hat sie ihr Italienisch perfektioniert, sich die Partien der Pamina in Mozarts Zauberflöte ins Hirn gesteppt, die der Musetta aus La Bohème, Haydns Schöpfung oder die Rolle des Ighino aus Pfitzners Palestrina, mit der sie als Gast an der Bayerischen Staatsoper München ihren jüngsten Erfolg feierte: Von der "Opernwelt" wurde die 29-Jährige als beste Nachwuchskünstlerin des Jahres ausgezeichnet.
Frankfurts Opernintendant Bernd Loebe hat das Talent schon 2007 beim Wettbewerb "Neue Stimmen" erkannt und die zierliche Frau 2008/2009 ins Ensemble geholt. "Ich hab´ bisher wahnsinnig viel Glück gehabt." Aber es gehört weit mehr dazu: "Man muss es wollen." Voller Einsatz, schon als Kind, daheim im fränkischen Feuchtwangen, wo sie als eine von drei Schwestern im Café am Kreuzgang Torten aufschnitt, Gäste bediente und hausgemachte Pralinen über die Theke reichte - mithalf, damit der Familienbetrieb am Marktplatz lief.
Alles geben. Alles oder nichts. "Wenn ich bei meiner ersten Aufnahmeprüfung nicht genommen worden wäre, glaub´ ich nicht, dass ich es noch woanders versucht hätte." Christiane Karg ist aber genommen worden. Im Jahr 2000 beginnt sie am Mozarteum Salzburg, studiert weiter am Konservatorium für Musik in Verona, erhält 2006 die "Lilli-Lehmann Medaille" für den besten Studienabschluss. Weitere Preise folgen - und Engagements. Sie wird Mitglied des Hamburger Opernstudios, erhält Engagements bei den Salzburger Festspielen, im Theater an der Wien, bei der Komischen Oper in Berlin. Sie gibt Lieder- und Konzertabende und hat gerade ihre erste CD mit Liedern aufgenommen.
Eine Blitzkarriere, die sie selbst doch als "langen Weg der Entwicklung" nennt. Tatsächlich hat die junge Frau früh gewusst, was sie will. Der opernbegeisterte Vater hat sie von kleinauf zu den Opernfestspielen nach München mitgenommen, wo sie jedesmal fasziniert war vom Nationaltheater, dessen Eingang mit den korinthischen Säulen wie ein griechischer Tempel wirkt und mit den roten Samtstühlen und den Goldverzierungen im Inneren wie ein Schloss. Mit Musik ist sie groß geworden, hat Klavier und Flöte gespielt, im Kinderchor der Kirche dann gemerkt, "dass Singen noch viel besser geht". Mit 13 singt sie bei Jugend musiziert vor, mit 14 beginnt sie mit Gesangsunterricht - den Traumberuf vor Augen.
Christiane Karg ist Perfektionistin, jedes Wort ihrer Rolle will sie verstehen, den Text durchdringen, jede Nuance ihrer Figur nachempfinden. Will deshalb jetzt auch tschechisch lernen, um die "vielen tollen tschechischen Opern" mit Haut und Haaren zu erfassen. Das braucht auch viel Nachdenken, viel bei sich und mit sich allein sein. Auch diese Zeit nimmt sie sich, sagt sie. Hat sich dafür den Main als Freiraum direkt vor ihrer Sachsenhäuser Wohnung erobert. "Man muss erkennen, was man braucht und darf nicht über die eigenen Grenzen hinausgehen."
So gesehen, empfindet sie Frankfurt als Glücksfall - obwohl sie für repräsentative Städte wie Salzburg oder Wien schwärmt. Die Oper Frankfurt ist ein Stück Heimat, sagt sie, "mit einem "jungen, tollen Ensemble aus vielen guten Stimmen". Gleichzeitig sei es die Freiheit, die Intendant Loebe den Sängerinnen und Sängern lässt, um sich bei Engagements draußen weiter zu entwickeln. Ein Schachzug, der zum Bleiben animiert. "Und dazu bringt man den Schwung von außen mit."

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