Im Esszimmer steht das alte Bechstein-Klavier. Erbstück vom jüngsten Bruder des Großvaters. Manchmal, wenn sie Lust hat, spielt sie noch darauf, sagt Eleonore Hilliger. Ihre 92 Lebensjahre haben die Frau klein und zerbrechlich gemacht, die grazilen Hände knöchern, die Haare schlohweiß. Doch die Stimme ist resolut. Musik gehört einfach dazu, sagt sie. Ihr Leben lang war das so. In ihrer ganzen Familie.
Eleonore Hilliger zeigt auf ein vergilbtes Foto eines jungen Paares an der Wand des Wohnzimmers. Er im feinen Tweed-Anzug, mit gelocktem Seitenscheitel, die Gattin im eng geschnürten Mieder und langem Bauschrock daneben. "Das war er." Hermann Hilliger, Mitbegründer der Frankfurter Musikschule, die dieses Jahr 150-jähriges Bestehen feiert - und Urgroßvater von Eleonore Hilliger. Sie ist in Frankfurt wohl die letzte lebende Nachfahrin einer der Gründerväter.
Mit rund 4400 Schülern ist die Musikschule eine der größten Deutschlands. Neben dem Dr. Hoch´schen Konservatorium und der Hochschule für Musik und Darstellenden Kunst ist sie eine der drei Säulen musikalischer Jugend- und Erwachsenenbildung in der Stadt. Hauptsitz ist in der Schirn, darüber hinaus ist sie in fast allen Stadtteilen, in etwa 100 Schulen und Kindergärten vertreten.
Die Schaffung der Musikschule ging mit Gründungen der Museumsgesellschaft, Polytechnischen Gesellschaft und dem Freien Deutschen Hochstift einher. Heute ist die Musikschule ein Verein und bekommt von der Stadt jährlich mit rund drei Millionen Euro.
Zum Festakt 150 Jahre Musikschule Frankfurt lädt Petra Roth für Dienstag, 8. Juni, 19 Uhr, in den Kaisersaal. Ehrengast ist Eleonore Hilliger.
Samstag, 12. Juni, 15 Uhr, Schirn, Raum 312 Junge Cellisten der Klasse Sabine Krams spielen Werke von Beethoven, Brahms u.a.
Sonntag, 13. Juni, Musik-Picknick Hanau 2010 - Jazzpower aus Frankfurt, 11 Uhr, Olof-Palme-Haus, Hanau-Kesselstadt, Schirn Big Band der Musikschule Frankfurt
Sonntag, 13. Juni, Literarisch-Musikalische Führung im Goethehaus, 11 Uhr, Großer Hirschgraben 23
Henkel, Hilliger, Oppel, Hauff, das Quartett des Anfangs. Vier Frankfurter, die sich als engagierte Bürger daranmachten, Musikunterricht für alle Kinder zu ermöglichen und mit städtischer Förderung zu institutionalisieren. Ein revolutionärer Gedanke, der aber in die Zeit des selbstbewussten Bürgertums gepasst hat. "Mein Urgroßvater hat damals in der Ulmenstraße 41 ein Haus gebaut", erzählt Eleonore Hilliger. "Im ersten und zweiten Stock hat die Familie gewohnt, im Parterre war die Musikschule." Der Großvater hat es ihr noch beschrieben, damals, als sie ein kleines Mädchen war und die Musikschule längst Institution, flügge geworden aus dem Parterre-Domizil.
Ihr Urgroßvater war Klavierlehrer und Klavierspielen gehörte auch für die Urenkelin noch zum guten Ton. Wie bei dessen elf Kindern und allen Kindeskindern. Auch ihr Großvater, der 48 Jahre lang Pfarrer in Praunheim war und nach seiner Pensionierung wieder ins Elternhaus Ulmenstraße 41 zurückzog, spielte Klavier. Eine seiner Schwestern, Minna Hilliger, hat gar am Dr. Hoch´s Konservatorium studiert und ist mit 19 Jahren als Klavierlehrerin nach Hagen gezogen. Sie hat sich ganz alleine durchgesetzt und war erfolgreich, erzählt Eleonore Hilliger und ein wenig Stolz schwingt in der Stimme.
Vielleicht ist es auch Verbundenheit, denn auch sie hat ihr Leben alleine in die Hand genommen. Obwohl einiges anders verlaufen ist, als sie sich das als junges Mädchen vorgestellt hatte. Nach Mailand wollte die Realschülerin und spätere Bürokauffrau gehen, hat eigens im Generalkonsulat italienisch gelernt. Der Zweite Weltkrieg setzte den Träumen ein jähes Ende. 1946 starb die Mutter, Eleonore Hilliger blieb zu Hause, in ihrer Stelle bei der Deutschen Bau- und Bodenbank und führte den Haushalt für den Vater in der Wohnung in Niederursel, wo sie bis heute lebt - mit dem Holzofen im Wohnzimmer und dem Kohleherd in der Küche.
Eleonore Hilliger erzählt wie Frankfurt in Trümmern lag, von der "schönen Altstadt" nur ein Steinhaufen übrig blieb oder wie sie Abschied nahm vom Saalbau in der Junghofstraße. Seit ihrem zwölften Lebensjahr hat sie ein Abonnement für die Konzerte der Museumsgesellschaft. Beim letzten Konzert im Saalbau während des Kriegs hatte sie einen Hustenanfall und verlies den Saal. "Draußen hatte ich plötzlich das Gefühl, dass ich das alles nie mehr sehen würde." Abschied nehmend ging sie durchs Haus, sagt sie, knapp eine Woche später lag alles nach einem Bombentreffer in Schutt und Asche.
Mehr blieb auch nicht vom Haus Ulmenstraße 41. Im März 1944 stürzte ein abgeschossenes Flugzeug ins Haus. Das Grundstück ist verkauft, neu bebaut, der "schöne, große Garten" unter zwei Garagen begraben worden.
Es tut ihr in der Seele weh, so wie es weh tat, als in den 70ern die alten Westend-Villen Büroklötzen weichen mussten. Trotzdem hängt Eleonore Hilliger nicht wehmütig der Vergangenheit nach. "Man muss im Leben bleiben." Und das heutige Frankfurt sei zwar nicht mehr so schön, "aber die Stadt bietet viel, ist lebendig. Es lebt sich gut hier". So hört sie ihre Abo-Konzerte jetzt in der Alten Oper, die "ganz gelungen" wieder aufgebaut sei. Besucht Museen, geht jeden Dienstag in ihren Literaturkreis in Niederursel und sonntags mit ihrer Freundin auf Tour. Im Sommer fahren die beiden nach Bad Wörishofen in Urlaub, demnächst steht auch Zürich auf dem Plan.
Das kleine Wohnzimmer mit den vollen Bücherschränken ist gespickt mit Reisesouvenirs. Eine Matrioschka erinnert an zwei Wochen Moskau und St. Petersburg in den 70ern, Eleonore Hilliger lächelt. Sie hat viele Länder bereist: Im Herbst war Studienreise angesagt, im Frühjahr Erholungsurlaub. Sie nippt Kaffee aus einer Tasse mit Mozart-Konterfei. Die hat sie bei der Deutschen Bau- und Boden-Bank gewonnen, "weil ich 25 Jahre lang ohne Unterbrechung bei jedem Ausflug dabei war". Wunschträume hat sie keine mehr, sagt sie und lacht. "Ich hab immer alles sofort gemacht, was ich wollte. Man darf im Leben nichts aufschieben."

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