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Im Porträt: Fünf Kilometer pro Generation

Der Paläoanthropologe Friedemann Schrenk liebt seinen Beruf, das Leben, Zeit und Vorsicht bei Interpretationen. Von Lia Venn

Solo Mensch, rekonstruiert, 40.000 Jahre (li),  Friedemann Schrenk, original, 53 Jahre, Homo rudolfensis, rekonstr., 2,5 Mio Jahre.
Solo Mensch, rekonstruiert, 40.000 Jahre (li), Friedemann Schrenk, original, 53 Jahre, Homo rudolfensis, rekonstr., 2,5 Mio Jahre.
Foto: FR/Oeser

Afrika ist die Wiege der Menschheit, die von Friedemann Schrenk stand auf der Schwäbischen Alb. Da stand sie gut. "Perfekter Ort für Fossilien", sagt der Leiter der Abteilung Paläoanthropologie des Senckenberg Forschungsinstituts - in dessen Hof in der Steubing-Halle zurzeit die Ausstellung "Safari zum Urmenschen" gezeigt wird. "Ich habe schon immer Fossilien gesammelt und alle Welt zu Weihnachten damit beschenkt, wenn auch nach einer Weile nicht mehr beglückt", sagt Schrenk.

Beglückend indes fand der kleine Friedemann die Sache mit dem Hammer. "Das Gefühl, ich hau´ da auf was drauf, einen 250 Millionen Jahre alten Ammoniten, und es kommt was raus, das noch nie jemand gesehen hat. Das aber mal gelebt hat!"

Der inzwischen 53-Jährige ist immer noch völlig fasziniert. "Natürlich dachte ich damals nicht an den Begriff Paläoanthropologie." Natürlich nicht - Schwäbische Alb, Stuttgart, da ging es eher um Kehrwoche. Wegen der sei ihm auch früh klar geworden, dass man da mal weg müsse, von der Schwäbischen Alb. "Und zwar nicht in ein Büro, sondern raus, weit weg." Zum Beispiel nach Frankfurt, Darmstadt, Johannesburg. Dort studierte Schrenk Geologie, Paläonthologie, Zoologie, Anatomie, Anthropologie.

UR 501 - you are original

1991 fand Tyson Mskika, einer von Schrenks Helfern, in Uraha in Malawi den Unterkiefer UR 501 eines mehr als zwei Millionen Jahre alten Hominiden, der als Homo rudolfensis eingeordnet wurde. Und so der älteste Vertreter der Gattung Homo ist - eine halbe Million Jahre älter als das Fragment, das Richard Leakey 1972 am Turkana- früher Rudolfsee/Kenia gefunden hatte.

In dem Buch "Adams Eltern" von Schrenk und seinem Freund Timothy Bromage (München, 2002) liest sich der Weg zu diesem Fund wie ein Krimi. Nach Comedy klingt eher, wieso der Unterkiefer UR 501 heißt. "Fundort des Originals war Uhara, Abkürzung UR, liest sich wie you are und die Levisjeans five o one gilt als Original. Also UR 501." Ein anderer Fund heißt RC 911, "der schnellste Fund - 911, der Porsche Carrera".

Fragt man Schrenk, wie er einem Kind seinen Beruf schmackhaft machen würde, nennt er gleich nach Hammer und Ammoniten Zeit und Weltbilder. "Diese Wissenschaft erweitert den Zeithorizont. Unser allererster Vorfahr lebte vor sieben Millionen Jahren. Das sind 350.000 Generationen!"

Zehn Generationen am Meer

Homo sapiens entstand vor 200.000 Jahren, das seien erst 10.000 Generationen moderne Menschen. "Vor zwei Millionen Jahren kam der Mensch aus Afrika, aber wie?" Schrenk rechnet: "Fünf Kilometer pro Generation, von Nairobi nach Peking, das wären 40.000 Jahre". Frage man, wie der Mensch denn übers Meer gekommen sei, "ja, dann sage ich, dass er erstmal zehn Generationen lang am Meer saß und da so rüber geschaut hat, irgendwann baut einer ein Boot und fährt los".

Funde sind Nachrichten aus der Vergangenheit, aber verschlüsselt, Indizien nur, mit denen die Forscher spielen. "Und das Weltbild spielt dabei immer eine riesige Rolle." So habe man im Mittelalter den "Klagenfurter Lindwurm" gefunden, der sich später als Wollnashorn aus der Eiszeit herausstellte. "In unserer Wissenschaft geht es nicht um richtig oder falsch, sondern um wahrscheinlich oder unwahrscheinlich."

Das größte Problem ist die Zeit

Im Mittelalter habe man an Drachen geglaubt, also sei der Fund eines Lindwurms wahrscheinlich gewesen. In den 60ern gab es die Killer-Apeman-Hypothese, wonach Aggression die Triebfeder der Menschheit gewesen sein soll. "Das war die Zeit des Kalten Krieges, die Theorie passte ins Weltbild." Kürzlich erst habe er überlegt: "Was mache ich eigentlich heute, welches Weltbild prägt mich? Na, das Klima!"

Das größte Problem sei Zeit. "Der Mensch kommt aus Afrika, der Himalaya faltet sich auf, alles ein Wahnsinn - und wir haben nichts mitbekommen." Daher komme "ja der ganze Kram, Kreationismus, Intelligent Design, da muss einer gewesen sein, der das alles designt hat. Quatsch".

Denn wie könne es sein, dass unser Kopf falsch sitzt, das Luft- und Speiseröhre sich hinten überkreuzen? "Weil es ein Produkt der Zeit ist, vor 300 Millionen Jahren war da nur ein Rachenraum wo Luft und Futter reinkam. Dann hat sich das durch Evolution in zwei Röhren getrennt." Er habe keine Ahnung, ob es irgendwo einen Gott gibt oder irgendeine Kraft. "Mir ist nur wichtig zu sagen: Es gibt Dinge, die wir nicht erklären können." Sagt der Wissenschaftler.

Autor:  Lia Venn
Datum:  28 | 10 | 2009
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