Die Straßenkarte ist keine Anleitung zur Flucht. Und doch liegt der Plan von Paris, vielleicht der kleinste, auf ein winziges Format einzuklappende Plan der Welt, stets zur Linken von Ann-Christin Scheiblauer. Direkt neben dem Laptop, den sie auch mit an ihre Hochschule nimmt. Gleich nebendran steht im sechsten Stock des Wohnhauses in Sachsenhausens Deutschherrnviertel ihr zweiter Schreibtisch.
Gleiche Größe, gleiche Konstruktion: hölzerne Platte, 180 auf 90 Zentimeter groß, gestützt auf ein stählernes Konstrukt. Und entgegen vorherigen Verlautbarungen an diesem Freitag ordentlich aufgeräumt. Der eine Schreibtisch ist öffentlich, der andere privat. Wobei sie das Öffentliche und das Private nicht voneinander trennen wolle, beides vielmehr bei der Beschäftigung mit dem öffentlichen Raum ständig zusammengedacht werden müsse. Und von ihr auch zusammen gebracht werden wolle. Das mache doch überhaupt erst den Reiz jedes weiteren gestalterischen Nachdenkens aus, sagt Ann-Christin Scheiblauer.
Paris, erzählt die Architektin, da habe sie sechs Jahre gelebt. Gleich nach dem Studium in München. Schöne Zeit,sagt Ann-Christin Scheiblauer. Noch heute fahre sie alle zwei Woche in die französische Hauptstadt. Dort trifft sie dann Monsieur Borel. Den freundlichen Mann lernte sie bereits als junge Frau in den 70er Jahren kennen. Borel arbeitet bis heute ebenfalls als Architekt. Dann aber habe es für mehr als zwei Jahrzehnte Funkstille mit Monsieur Borel gegeben, die erst durch einen Anruf von ihm in Frankfurt vor ein paar Jahren wieder beendet worden sei.
Schöne Geschichte. Findet Ann-Christin Scheiblauer auch, die trotz aller Paris-Exkursionen mittlerweile beschlossen hat, sich "ganz auf Frankfurt zu konzentrieren". Schließlich sei in dieser Stadt, die unter dem Krieg ganz anders als etwa München gelitten habe und zerrieben worden sei, inzwischen doch eine ganze Menge in Gang. Heute gebe es mehr Willen zur Partizipation, suchten Bürger verstärkt Möglichkeit, selbst ein Wort mitzureden.
Lösungen für das Mainfeld
Frau Scheiblauer verweist in diesem Zusammenhang auf die zum Umbau anstehende Siedlung Mainfeld in Niederrad. Mit ihren Studenten an der Fachhochschule Frankfurt habe sie sich vorgenommen, in Diplomarbeiten nach Lösungen zu suchen, wie es in diesen Hochhäusern aus den 60er Jahren weitergehen könnte.
Mit interessanten Impulsen. So hätten sich die wenigsten Studenten daran gewagt, die Hochhäuser wie von der Wohnungsgesellschaft ABG favorisiert, in ihrer Substanz zurückzubauen. Vielmehr hätten sie sich viele Gedanken gemacht, wie sich durch Grünanlagen Verbindungen zwischen dem Mainfeld und dem alten Kern von Niederrad schaffen lassen. In diesem Zusammenhang könne sie auf ihre Erfahrungen aus der gleichartigen Siedlung am Münchener Hasenbergl zurückgreifen, wo sie mitgearbeitet habe. In Kursen der Volkshochschule habe man viele Anwohner dazu gebracht, an den Neuplanungen mitzuwirken.
Partizipation sei eben keine Kleinigkeit, beharrt Ann-Christin Scheiblauer. Ihr sei bis heute nicht recht klar geworden, was die Freunde der Altstadt in Frankfurt denn von einer Rekonstruktion erwarteten. Darüber dürfte am kommenden Mittwoch im Haus am Dom in der Debatte mit dem neuen Schauspiel-Chef Oliver Reese und CDU-Chef Boris Rhein zu reden sein. Die Frage ist, was sich eigentlich in dieser städtischen Öffentlichkeit aus welchen Motiven heraus verändert hat. Mit ihrer Berufung auf den FH- Lehrstuhl für Städtebau habe sie "völliges Neuland" betreten, berichtet Scheiblauer. Bis 1997 habe sie Frankfurt nur von der Durchreise gekannt. Jetzt rege sie die Stadt zum Denken an.
Zum Strukturwandel städtischer Öffentlichkeit - eine Veranstaltung des Zentrums Haus am Dom und der Frankfurter Rundschau, Mittwoch, 24. Februar, 19.30 Uhr, im Haus am Dom.

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