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Im Porträt: In den Tiefen der Gegenwart

Der Sozialpsychologe Harald Welzer ist bei den Römerberggesprächen zu Gast und hat gerade erst sein Buch "Das Ende der Welt wie wir sie kannten" veröffentlicht. Von Matthias Arning

Denken in Essen und Frankfurt - Harald Welzer
Denken in Essen und Frankfurt - Harald Welzer
Foto: Stefan Kroeger/visum

Die Römerberggespräche sind ja nicht irgendeine Veranstaltung. Harald Welzer bezeugt Respekt. Schließlich gibt es dieses Format doch seit Ewigkeiten, ist dieses Forum nach inzwischen 36 diskursiven Interventionen überhaupt nicht mehr aus der städtischen Debattenkultur wegzudenken. Deswegen sind die Römerberggespräche auch nichts, wo er, Welzer, der Sozialpsychologe vom Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen, einfach mal reinschneien könne, das Kommen eine Stunde vor seinem Auftritt am Nachmittag im Chagallsaal des Schauspiels schon ausreiche. Welzer will bleiben. Von Anfang an. Zumal ihm das Thema "Die Krise des Überblicks" entgegen kommt, er, der selbst nur zu gut weiß, was er von dieser Krise hält.

Ihm gehe es um "mentale Infrastrukturen", sagt der 51-Jährige im Gespräch mit der FR. Das ist ein großer Begriff, mit dem sich für den Professor die Frage verbindet, wie denn eigentlich Krisen von den Menschen wahrgenommen würden. Sagen lasse sich: Mit dem, was gegenwärtig als Orientierung in überaus unübersichtlichen Zeiten angeboten werde, das "ist völlig ungeeignet für eine Bewältigung der Krise".

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Die Krise des Überblicks, 37. Römerberggespräche, 21. November, 10 Uhr, Schauspiel Frankfurt

Welzer, der neben seiner Lehrtätigkeit in Essen auch an der Universität Witten-Herdecke Wissen weitergibt, will ohnehin für größere Zusammenhänge werben. Denn mit Aufnahmen des Augenblicks lasse sich nicht erfassen, was gegenwärtig passiere. In den Jahren unmittelbar nach 1989, das sei die Zeit gewesen, in der sich diese Republik als größer gewordene politische Einheit "zum letzten Mal auf eine Debatte über den Wohlstand eingelassen hat". Seitdem gebe es allein "eine Imaginierung des Status quo". Während sich die alte Bundesrepublik nach dem Mauerfall also noch einmal als Sozialstaat habe bewähren wollen, sei es damit jetzt vorbei, stehe eine neue Phase in der Entwicklung des Landes bevor, von der man bisher nur sagen könne, dass Bewährtes keine Chance mehr habe, sich weiterhin zu bewähren und somit Bewährtes zu bleiben.

Insofern verspricht Welzer Spannendes. Im Grunde bürgt der Mann dafür, seitdem er die sozialpsychologische Studie "Opa war kein Nazi" verlegt hat. In dem Buch, zur hohen Zeit der vergangenheitspolitischen Debatte in der Mitte der 90er Jahre erschienen ist, beschreibt Welzer, wie deutsche Familien ihre Geschichte weiter geben, in Erzählungen über vergangene Zeiten ihre Vorfahren heroisieren, aus Parteigänger Hitlers "nur noch heroische Figuren machen".

Danach setzte Welzer einen Schnitt. Von der Erinnerungskultur zum Klimawandel. "Stimmt nicht", ist der Autor überzeugt, denn er habe sich gar nicht von seinem originären Sujet verabschiedet. Immer wieder gehe es ihm um "Tiefenwirkungen auf die Gegenwartsgesellschaft". Das sei das Gemeinsame in den Studien über die Opas wie den Klimawandel. Beide Themen reichten unmittelbar in die Gegenwart.

Kann man wohl sagen. Welzers jüngstes Buch, das er gemeinsam mit dem Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts, Claus Leggewie, vorgelegt hat, heißt: "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten". Es ist ein gutes Buch, weil es sich ganz im Sinne der Römerberggespräche als eine Intervention versteht. Denn der Klimawandel, daran lassen Welzer und Leggewie keinen Zweifel aufkommen, der Klimawandel ist eine soziale und kulturelle Revolution. Schließlich entscheide sich in der kurzen Zeitspanne bis 2020 alles "über die Lebensverhältnisse künftiger Generationen". Da kommt es schon darauf an, wie man die Krise in den Griff kriegt.

Autor:  Matthias Arning
Datum:  19 | 11 | 2009
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