Gert Krämer ist mit seiner Geduld am Ende: Die Firma Proinkasso in Neu-Isenburg will knapp 225 Euro von seiner Mutter Frieda eintreiben. Die Frau soll am Telefon Mitglied bei einem Gewinnspiel geworden sein. „Meine Mutter ist 101 Jahre alt und kann sich an nichts erinnern“, schimpft Gert Krämer. Weil der pensionierte Verwaltungsbeamte aus Mühltal der alten Frau bei Geldgeschäften hilft, entdeckte er kurz darauf zwei dubiose Abbuchungen von je 149 Euro auf ihrem Konto. Das Geld ließ er zurückbuchen. „Ein schriftlicher Vertrag liegt nicht vor“, sagt Gert Krämer. Damit war der Fall für ihn erledigt – bis er zwei Monate später das Schreiben der Proinkasso bekam.
Die forderte ihn im Auftrag ihres Mandanten, der CSS Kontor GmbH in Hamburg, auf, den angeblichen Beitrag plus Lastschrift und Inkasso-Gebühren innerhalb einer Woche zu bezahlen. Ansonsten drohe Zwangsvollstreckung bis hin zu Pfändungen. Krämer: „Das schüchtert viele ein.“
Seine Mutter ist kein Einzelfall. Im August warnte die Verbraucherzentrale Sachsen-Anhalt vor Mahnschreiben der Proinkasso Neu-Isenburg, die im Auftrag des Gewinnspielabwicklers CSS Kontor GmbH Hamburg Geld eintreibt. Seit 2005 macht Proinkasso, die damals auch wegen „unseriöser Praktiken“ aus dem Bund deutscher Inkassounternehmen flog, mit dubiosen Forderungen von wechselnden Abofallen-Betreibern und Internet-Abzockern Schlagzeilen. Verbraucherberatungen warnen regelmäßig vor wechselnden Maschen. Bis Mitte des Jahres überschwemmte die Firma noch von Hanau aus das Land mit Mahnbriefen, bei der dortigen Staatsanwaltschaft liegen „etliche 100 Anzeigen“ vor. „Das geht seit Jahren“, sagt deren Pressesprecher Wolfgang Popp. Da aber auch Verfahren bei anderen Staatsanwaltschaften gegen die Abofallen-Betreiber anhängig seien, die Proinkasso beauftragen, passiere derzeit nichts.
Die Stadt Hanau ist Proinkasso inzwischen losgeworden. Nachdem die Frankfurter Rundschau im Juli 2009 die Abzocke aufgedeckt hatte, wurden die Räume fristlos gekündigt. Pikanterweise war das Unternehmen bis dahin im dortigen mit Steuergeld subventionierten Technologie- und Gründerzentrum Mieter.
Die Kostenhinweise bei Abofallen sind gut versteckt. Wer sich anmeldet oder registriert und dabei Daten preisgibt, dem wird ein Vertrag untergeschoben, für den schnell die Rechnung kommt. Wer nicht bezahlt, bekommt Mahnungen von Anwälten und Inkassobüros. Meistens müssen die Rechnungen nicht bezahlt werden. Der vermeintliche Vertrag sollte unabhängig von der Streitfrage, ob er im Einzelfall wirksam ist, schriftlich widerrufen werden.
Die Verbraucherzentrale Hessen listet auch etwa 50 Anbieter auf, gegen die der Bundesverband der Verbraucherzentralen Verfahren führt. res
www.verbraucherzentrale-hessen.de
www.antispam.de, www.bmelv.de
In Neu-Isenburg fand Proinkasso eine neue Bleibe. Telefonisch ist die Firma nur über eine Bezahlnummer, per Mail nur bei Anmeldung zu erreichen. Die Frankfurter Rundschau hat vergeblich versucht, von Proinkasso eine Stellungnahme zu erhalten. „Wir haben schon Hunderte Anzeigen“, sagt Axel Kreutz, stellvertretender Pressesprecher, der nun zuständigen Staatsanwaltschaft Darmstadt, Zweigstelle Offenbach. Gewerbsmäßiger Betrug, lautet der Vorwurf. Auch die Staatsanwaltschaft Hannover geht seit längerem wegen Betrug und Geldwäsche gegen Proinkasso vor. „Die Ermittlungen sind sehr aufwendig“, sagt Oberstaatsanwalt Manfred Knothe.
„Warum kann der Gesetzgeber die Bürger nicht vor solchen Firmen schützen?“, fragt sich Gert Krämer. Verbraucherschützer, wie beispielsweise der Verein Antispam, der den wachsenden Einfluss dubioser Unternehmen auf dem Markt der Telekommunikation beobachtet, fordern deren wirksame Strafverfolgung.
Proinkasso arbeitet mit Genehmigung der Behörden und ist nach dem Rechtsdienstleistungsgesetz zugelassen. Aufsichtsbehörde für Proinkasso ist das Oberlandesgericht Frankfurt, das sich „seit einiger Zeit“ mit Beschwerden gegen die Firma beschäftigt. „Derzeit prüfen die dafür zuständigen Stellen, ob das dem Unternehmen vorgeworfene Verhalten ein Einschreiten (…) erforderlich macht“, erklärt Sprecher Ingo Nöhre. Die Ermittlungen über einen möglichen Widerruf der Erlaubnis dauern an. „Ein Ende“, teilt Nöhre mit, „lässt sich noch nicht absehen.“

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