Also geht es nicht ohne Rückgriffe auf die deutsche Geschichte?
Warum sollte es denn ohne gehen müssen?Es gibt Wurzeln unserer Stadt, die deutsche Wurzeln sind. Das sollten wir berücksichtigen. Auch sollte man den Begriff Deutsch nicht einfach zugunsten des Begriffs Transnational fallen lassen. Unser Land hat doch eine Prägekraft. Deutschland ist ein offenes, modernes, interessantes Land, das viele Chancen bietet. Viele Zuwanderer sind bewusst nach Deutschland gekommen. Andere sind in andere Länder gegangen. Viele sind zu uns gekommen, auch nach Frankfurt. Der Begriff des Transnationalen nutzt die Chancen nicht, die uns aus der Tradition einer jahrhundertealten Bürgerstadt erwachsen. Ich zitiere den französischen Philosophen Pascal: Einheit ohne Vielfalt ist Tyrannei, Vielfalt ohne Einheit ist Beliebigkeit.
Damit schaffen Sie einen geschichtlichen Bezug?
Im Wappen der USA findet sich die Bezeichnung: In pluribus unum, in Vielfalt eins. In der Studie aber ist Frankfurt eine mobile Stadt mit lockeren Szenen und Milieus. Das gibt es natürlich. So aber ist es nicht allein. Deswegen schlage ich vor zu sagen: Wir wollen den Zusammenhalt in Vielfalt fördern. Vielfalt allein reicht nicht.
Geht es darum, gemeinsam etwas zu definieren, das man Heimat nennen könnte?
Man muss Heimat nicht definieren, man muss Heimat vor allem schaffen. Und dabei gilt: Nichts sorgt so für eine Identifikation mit einem Gemeinwesen wie die eigene Tat. Wir haben in Frankfurt 350000 Vereinsmitglieder! Nehmen Sie unser Stadtteilbotschafter-Programm. Dort finden sich Deutschstämmige und Zuwanderer. Alle sind sie Frankfurter. Sie wirken und gestalten mit, sie erfahren Zuspruch und Anerkennung aus der ganzen Stadtgesellschaft. Wir müssen über Bildung hinaus die Möglichkeit des Mitwirkens bieten - weil auf diese Weise prägende Erfahrungen gemacht werden können. Und weil so Zugänge in die Stadtgesellschaft geöffnet werden, übrigens eine zentrale Aufgabe.
Die Forderung, alle mitmachen zu lassen, weicht der Erwartung, dass alle mitmachen?
Die Studie zeugt von einem stärkeren Selbstbewusstsein der Zuwanderer. Das ist ein gutes Zeichen. Sie zeigt die Potenziale auf. Das ist zu begrüßen. Aber in manchem wird so vorwärts gestürmt, dass die Härten des Alltags etwas aus dem Blick geraten. In der Vielfalt gibt es auch Konflikte. Die Studie betont beispielsweise das Ideal der Mehrsprachigkeit. Es soll Mehrsprachigkeits-Tandems in Frankfurt geben und Orte der Mehrsprachigkeit. Da würde ich sagen: Erst einmal müssen wir dafür sorgen, dass alle Zuwanderer sehr gut Deutsch können. Das ist die Priorität. Nehmen Sie den Deutsch-Sommer, den unsere Stiftung mit öffentlichen und privaten Partnern anbietet. 80 Prozent der Drittklässler, die dort trainiert werden, um ihre Sprachkenntnis zu verbessern, sind in Deutschland geboren. Deswegen meine Empfehlung: Es ist gut, nach zu hohen Weihen zu streben, aber lassen Sie uns zuerst das tun, was jetzt nötig ist. Und da gilt: Alle Zuwanderer-Kinder müssen die Landessprache können. Das ist nicht allein für schulischen Erfolg von Bedeutung. Es ist auch für unseren Staat wichtig. Schließlich werden die Gesetze in dieser Sprache gemacht.
Interview: Matthias Arning

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